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Kinder und digitale Medien: die Rolle der Eltern

Kinder und digitale Medien: die Rolle der Eltern

Bevor Kinder die digitale Welt kennenlernen, sollten sie Erfahrungen in der realen Welt sammeln können und soziales Verhalten erlernen. Dabei brauchen Sie Hilfe von Vorbildern und Vermittlern. Eltern erwächst daraus eine wichtige Rolle, der sie mit dem nötigen Bewusstsein gerecht werden können. Ihr eigener Umgang mit digitalen Medien ist dabei zentral.

Kinder möchten die Welt entdecken, und dabei sind Primärerfahrungen massgebend. Das heisst Erfahrungen, die das Kind mit dem eigenen Körper und in der realen Welt macht: tasten, hören, sehen, riechen, schmecken. Also Dinge tun wie im Sandkasten buddeln, mit Wasser spielen, Teig kneten, Papier bemalen. Auch soziale Erfahrungen sind wichtig: im Spiel mit anderen Kindern daheim, im Wald, im Sportverein. Daneben kommen Kinder heute unweigerlich schon sehr früh mit digitalen Medien in Kontakt, durch ihre Eltern, durch andere Betreuungspersonen oder ältere Geschwister. In diesem Spannungsfeld stellen sich viele Eltern die Frage, wie ihr Beitrag zur physischen und psychischen Gesundheit ihrer Kinder aussehen kann.

 

«Medienerziehung beginnt mit Medienabstinenz»

Der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Christoph Möller* hält fest: «Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder und Jugendliche zum einen den liebevollen, schutzgebenden elterlichen Rahmen. Zum andern brauchen sie Möglichkeiten, Kompetenzen zu entwickeln wie das Kommunizieren, das Lernen, Empathie oder Frustrationstoleranz.» Solche Fähigkeiten lernen sie aber nicht für sich allein am Bildschirm, sondern nur in der realen Welt. Und mithilfe von Vorbildern und Vermittlern, die ihnen Aufmerksamkeit schenken, Werte und Verhalten vorleben, sich mit ihnen auseinandersetzen, Raum für Erlebnisse schaffen und Zusammenhänge erklären. Christoph Möller vertritt deshalb folgende Haltung: «Bevor Kinder diese Fähigkeiten nicht erlernt haben, sollten sie digitale Medien überhaupt nicht nutzen – Medienerziehung beginnt mit Medienabstinenz.»

 

Lieber vorbilden als nachbilden

Kinder beobachten genau, was Eltern mit Medien machen. Chattet die Mutter im Internet oder spielt der Vater ein Game auf dem Smartphone, möchten sie das irgendwann auch probieren. Damit leben Eltern den Umgang mit digitalen Medien vor – sie sind Vorbild für die Art und die Intensität des Medienkonsums. Zudem sind sie auch hier Vermittler: Sie vermitteln in der Diskussion und durch Vorgaben ihre Werte. «Ihr Kind braucht Sie als Diskussionspartner», schreibt die Stiftung Sucht Schweiz in einem ihrer Elternbriefe, «denn Ihre Meinung ist ihm wichtig, auch wenn dies nicht immer so scheint.» Um sich seine eigene Meinung bilden zu können, braucht es «die Auseinandersetzung mit dem Vater und der Mutter. Das Kind muss seine eigenen Ansichten an deren Überzeugungen, Normen und Werten messen können.» Übertragen auf den Umgang mit digitalen Medien heisst das zum Beispiel: Wenn Eltern mit ihrem Kind über ein Computergame oder eine Community sprechen, kann sich das Kind seine eigene Meinung dazu bilden.

 

Eltern reagieren verschieden

Eine Studie im Jahr 2015 zum Thema Handyerziehung zeigte, dass sich die befragten Eltern hier vor Schwierigkeiten gestellt sehen: Sie fühlen sich oft machtlos, leiden unter Kontrollverlust und Überforderung. Um den Handykonsum der Kinder gibt es oft Streit. Die Ergebnisse der Studie bewegten die Forscher zur Unterteilung der Eltern in vier Typen:

Der Laissez-faire-Typ: Er kapituliert vor den mobilen Multifunktionsgeräten und verzichtet auf erzieherische Vorgaben und Massnahmen.

Der ängstlich-konservative Typ: Im Gegensatz zum Laissez-faire-Typus schränkt diese Gruppe den Umgang ihrer Kinder mit dem Smartphone ein und ignoriert die Nachteile, die ihnen dadurch entstehen.

Der freundschaftlich-liberale Typ: Er setzt auf ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Kindern, vollzieht die Handybegeisterung nach und macht sich wenig Sorgen.

Der kindzentriert-aktive Typ: Er setzt sich mit dem Handykonsum der Kinder auseinander, spricht darüber und bemüht sich um nachvollziehbare Vorgaben für einen Umgang, der mit dem Entwicklungsstand des Kindes übereinstimmt.

«Der vierte Typ ist ganz offensichtlich das Ideal – daran kann man sich orientieren», sagt Christoph Möller. Viele Eltern sind froh um Orientierungshilfen, um konkrete Tipps für die Medienerziehung. Es gibt mittlerweile viele Ratgeber und Websites, die solche anbieten (siehe Beispiel in der Box). Doch über allem stehen immer das Gefühl der Eltern fürs eigene Kind und ihr gesunder Menschenverstand: Damit lässt sich so manche erzieherische Hürde gut meistern.

 

Hier die wichtigsten Tipps von Sucht Schweiz:

  • Mit dem Kind oder dem Jugendlichen über die Erfahrungen mit digitalen Medien reden, sich Apps, Computerspiele, Onlineaktivitäten und Lieblingswebsites zeigen lassen und nach den Motiven fragen, aufgrund welcher die Kinder und Jugendlichen sie nutzen.
  • Altersgerechte Regeln zur Nutzungszeit aufstellen. (Tipps dazu finden sich im Elternbrief und im Leitfaden von Sucht Schweiz oder auf dem Elternportal von Jugend und Medien.)
  • Vorbild sein – das heisst: Eltern und Pädagogen sollen die eigenen Mediengewohnheiten überprüfen und wenn nötig ändern.
  • Fernseher, Computer und Spielkonsolen nicht im Kinderzimmer, sondern in einem gemeinschaftlich genutzten Raum platzieren. So auch das Smartphone ab einer gewissen Zeit am Abend.
  • Bildschirmzeiten nicht als Belohnung oder Bestrafung einsetzen, um deren Bedeutung nicht zusätzlich zu erhöhen.
  • Für genügend Erlebnisse in der realen Welt sorgen – nicht nur Kinder, auch Jugendliche gehen gern mal zum Schlittschuh laufen, in die Badi, auf den Berg oder in den Wald.

* Prof. Dr. Christoph Möller

Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Zentrum Auf der Bult in Hannover (DE). Er hat folgende Bücher zum Thema geschrieben:

  • Was Eltern tun können (2. Auflage, 2015)
  • Internet- und Computersucht. Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Pädagogen und Eltern (2011)
  • Jugend Sucht. Ehemals Drogenabhängige berichten (4. Auflage, 2015)

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