Eine Stimme für Clara

Die Tochter von Carlos Pereira aus Brasilien kam mit einer Hirnschädigung auf die Welt. Als Clara erfolglos versuchte zu kommunizieren, lernte Carlos das Programmieren. So entstand die App Livox. Sie ermöglicht es nonverbalen Menschen auf der ganzen Welt, sich mitzuteilen.

Text: Leoni Hof; Foto: Carlos Pereira / Livox

Was ist Ihre persönliche Geschichte hinter Livox?

2007 wurde meine Tochter Clara geboren. Aufgrund eines medizinischen Fehlers während der Wehen meiner Frau kam es zu einem Sauerstoffmangel, der bei Clara zu einer zerebralen Lähmung und einem Hirnschaden führte. Wir wussten zu Beginn nicht, wie schlimm es war, aber zu diesem Zeitpunkt war ich fest entschlossen, meiner Tochter zu helfen. 

Ich hätte nachts nicht schlafen können, wenn ich gewusst hätte, dass ich nichts zur Verbesserung ihres Lebens beitragen kann.

Wie schwer war es für Sie, Ihren Job zu kündigen und dieses ehrgeizige Projekt zu starten?

Als ich von der Behinderung meiner Tochter erfuhr, suchte ich nach alternativen Behandlungsmethoden, um ihr zu helfen. Ich sah eine Behandlung, die 40’000 Dollar kostete. Ich hatte nur 10 Dollar auf meinem Bankkonto. Ich beschloss, eine Spendenaktion zu starten und die Leute zu bitten, für ihre Behandlung zu spenden. Das hat in Brasilien grosses Aufsehen erregt, da Clara die erste Brasilianerin war, die diese Behandlung erhielt. Wir konnten den gesamten Betrag aufbringen und sie wurde behandelt. Es ging ihr besser, aber heilen konnte die Behandlung sie nicht. Durch den Medienrummel wurden ausländische Investoren auf mich aufmerksam und fragten mich, was ich von der Eröffnung eines Reha-Zentrums in Brasilien halten würde. Ich überzeugte sie davon, in meiner Heimatstadt zu investieren, kündigte meinen Job, mietete ein grosses Haus und wir eröffneten eine erstklassige Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Ich stellte Logopäden, Physiotherapeuten und alle möglichen Fachleute für diese Klinik ein.

Etwas, das ich für meine Tochter auf dem Heimcomputer entwickelt habe, hilft nun Menschen auf der ganzen Welt.

Warum entwickelten Sie die Livox-App?

Als Clara älter wurde, merkte ich, dass sie versuchte, zu kommunizieren. Ohne Erfolg. Daraufhin lernte ich das Programmieren. So wurde Livox geboren. Bedingt durch meine Erfahrungen aus dem Reha-Zentrum war ich in der Lage, Algorithmen zu entwickeln, die viele Probleme von Menschen mit Behinderung lösen.

Wie ging es mit Livox weiter?

Viele Patienten der Klinik begannen, Livox zu benutzen. Später auch viele Menschen in ganz Brasilien. Google erfuhr von unserer Geschichte und lud uns zu seiner jährlichen Veranstaltung ein, der Google IO. Sie drehten ein Video über unsere Geschichte und kündigten uns sogar auf der Bühne an. Später haben sie uns einen Zuschuss von einer halben Million Dollar gegeben, damit wir Livox verbessern können. 

Kommunikation ist ein mächtiges Werkzeug.

Was bietet der Livox-Store?

Als ich Livox gründete, war die App als Funktion für alternative Kommunikation gedacht. Unsere Android-Tablet-Nutzer haben jedoch begonnen, erstaunliche Inhalte zu erstellen, die über die alternative Kommunikation hinausgehen. Um die Erfahrungen zu teilen, haben wir den Livox-Store geschaffen. Es ist eine Art Archiv mit Tausenden von hochwertigen Inhalten für die diversen Nutzer der App. Der Livox-Store erweitert die Möglichkeiten und bietet alternative Kommunikationstafeln, Bücher, Routinen für autistische Nutzer, Musikinstrumente, jahreszeitliche Tafeln, Kurse für Mathematik oder Wissenschaft. Alle diese Inhalte sind für Livox-Nutzer kostenlos verfügbar.

Was ist Ihr Ziel in Bezug auf Livox?

Mein Ziel ist es, alle Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit zu unterstützen, so wie ich es bei meiner Tochter Clara getan habe. Kommunikation ist ein so mächtiges Werkzeug, und jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, seine Stimme zu nutzen.