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Länger unabhängig wohnen

Die Zukunft beginnt heute! Modernste Technologie bietet älteren, pflegebedürftigen Menschen die Möglichkeit, länger im eigenen Heim zu wohnen.

Text: Robert Wildi

Ein Stolperer und Frau Huber – 81-jährig, rüstig, körperlich und geistig voll da –  stürzt in ihrem Wohnzimmer. Ein stechender Schmerz im Rücken verunmöglicht das Aufstehen. Nicht mal bewegen kann sie sich und ihre Hilferufe hört niemand: Die Nachbarn sind in den Ferien, alle Fenster geschlossen, das Telefon ist ausser Reichweite. Panik steigt in ihr hoch. «Alles in Ordnung, Frau Huber?», fragt der virtuelle Butler James.

Der virtuelle Butler James löst Probleme

Würde Frau Huber im iHomeLab der Hochschule Luzern in Horw LU wohnen, wäre alles anders: Sie könnte sich auf die Soforthilfe des virtuellen Butlers James verlassen. James hätte dank Sensoren, die in der intelligenten Musterwohnung an wichtigen Stellen angebracht sind, die Bewegungen der Bewohnerin auf dem Radar. Sobald er Unregelmässigkeiten wie etwa einen Sturz registriert, erkundigt er sich über die eingebaute Gegensprechanlage: «Alles in Ordnung, Frau Huber?» Jetzt kann sie ihn dazu veranlassen, den Sohn oder einen Notfallwagen anzurufen. Gibt sie keine Antwort, tut dies James ohnehin unverzüglich und öffnet dem eintreffenden Rettungspersonal auch automatisch die Haustür.

«Alles in Ordnung, Frau Huber?»

Doch wie soll das perfekte Profil von James aussehen? Was muss er alles können? Und was wäre zu viel des Guten? Daran tüfteln die Wissenschaftler am iHomeLab seit über sieben Jahren. Die Forschungsprojekte werden in enger Zusammenarbeit mit der Industrie realisiert und sind sehr praxisbezogen. «Es geht uns darum, Wohnraum für Senioren so intelligent und gleichzeitig so unaufdringlich wie möglich zu gestalten, dass diese sicher und komfortabel in ihren vier Wänden bleiben können. Auch dann, wenn Kräfte und Gedächtnis nachlassen», sagt Rolf Kistler, wissenschaftlicher Mitarbeiter des iHomeLab.

Schnelle Kontaktmöglichkeiten

Modernste digitale Technik hilft älteren Menschen, sich einen sicheren, angenehmen Lebensraum zu schaffen und weitgehend unabhängig zu bleiben. Das moderne Schlagwort dazu heisst «Independent Living». Ein zentrales Element ist dabei, dass sich pflegebedürftige Personen schnell mit Angehörigen, Nachbarn oder dem Arzt «kurzschliessen» können. Wobei es nicht darum geht, den gesamten Tagesablauf und jede einzelne Bewegung eines Bewohners zu scannen und via Kamera zu überwachen. Dies wäre zwar technisch problemlos möglich, nicht aber wünschenswert: «Eine pflegebedürftige Person möchte ja in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben, um sich möglichst viel Privatsphäre zu bewahren», so Kistler.

«Modernste digitale Technik hilft älteren Menschen, sich einen sicheren, angenehmen Lebensraum zu schaffen und weitgehend unabhängig zu bleiben. Das moderne Schlagwort dazu heisst ‹Independent Living›.»

Wie rasch sich die sogenannten «Smarthomes» am Markt durchsetzen werden, ist eine Frage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses. Die Entwickler müssen den Tatbeweis erbringen, dass ältere Menschen dank Technologie und «Internet of Things» («intelligente» Systeme und Gegenstände, die miteinander kommunizieren können) effektiv länger selbständig wohnen und die Pflegekosten dadurch namhaft gesenkt werden können. Die Entwickler sind davon überzeugt, dass die neuen Technologien künftig erschwinglich und damit für viele Menschen zugänglich sein werden.

Besuchen Sie das iHomeLab

Das iHomeLab-Team der Hochschule Luzern erforscht, wie dank intelligenter Gebäude (Smarthomes) beispielsweise der Energieverbrauch gesenkt oder älteren Menschen ein längeres Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht werden kann. Die Forschungsresultate werden im iHomeLab präsentiert und auf verständliche Weise erklärt. Das iHomeLab ist von Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Einmal pro Monat findet zudem eine öffentliche, kostenfreie Führung statt. Die Anzahl Teilnehmer ist aus Platzgründen auf 20 beschränkt.

Herr Meienberger, in Japan werden heute schon verbreitet Roboter in der Altenpflege eingesetzt. Eine Zukunftsvision?

Auch wir haben bereits im Jahr 2008 mit dem iRobi erstmals einen Roboter als Pflegeassistenten im Echtbetrieb eingesetzt und getestet. Der Widerstand war damals ziemlich heftig, vor allem vonseiten der Gesundheitsinstitute. Man fürchtete, dass der Roboter das Pflegepersonal vollständig ersetzen sollte.

Das war doch wohl auch das Ziel?

Absolut nicht. Roboter werden die zentralen und wichtigen menschlichen Eigenschaften von Pflegenden niemals ersetzen können. Vielmehr sehen wir Roboter als Bindeglied zwischen Patient und Pflege. Ein Beispiel: Zwischen 18 Uhr abends und 8 Uhr morgens sind Patienten auf Pflegestationen in der Regel ganz auf sich alleine gestellt. In dieser Zeitspanne kann ein Roboter durchaus sinnvolle Scharnierarbeit leisten, etwa einfache Handgriffe ausführen wie das Fenster öffnen oder den Rollladen schliessen.

Und wo bleibt das therapeutische Element?

Im Gegensatz zu Telefon oder TV, die auch als Errungenschaften gegen die Vereinsamung entwickelt wurden, bietet der Roboter viel mehr. Zum Beispiel einen Live-Chat mit Familienangehörigen und bewegten Bildern. Es gibt sogar Roboter, die auf Berührungen reagieren. Dies löst auch bei älteren Menschen positive Emotionen aus. Ich sehe da durchaus ein interessantes Potenzial. Letztlich geht es auch in dieser Frage einzig darum, ob und in welchem Ausmass Pflegeroboter von den Endkonsumenten als Mehrwert verstanden und akzeptiert werden.