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Bettverbot fürs Smartphone

Anitra Eggler kennt Fluch und Segen der Digitalisierung. In den Neunzigerjahren war sie Internetpionierin, heute ist sie eine der gefragtesten Expertinnen für einen massvollen Online-Konsum. Was ist ihr Rezept?

Text: Barbara Lukesch

Anitra Eggler, Sie nennen sich Digitaltherapeutin. Wer sind Ihre Patienten?

Damit keine falschen Vorstellungen entstehen: Bei mir legt sich niemand auf die Couch. Ich bin Journalistin. Meine Therapie besteht aus Buchstaben, die ich in Form von Büchern und Bühnenvorträgen verabreiche. Die Patienten sind meist Bürokrieger aller Hierarchien, Unternehmensgrössen und Branchen. Ich habe aber auch schon Lehrer, Kirchenvertreter, WhatsApp-Omis oder Digital Natives von Krankheiten wie E-Mail-Wahnsinn, Smartphone-Sucht, Daten-Diarrhö oder Social-Media-Inkontinenz befreit.

Woran merken Sie, dass Ihre Therapie wirkt?

An der Aufmerksamkeitsspanne der Leute: Die beträgt vor dem Besuch meines Bühnenvortrags gerade mal 9 bis 15 Sekunden. Danach halten es die Zuhörer oft den ganzen Apéro lang aus, nicht aufs Handy zu starren. Stattdessen unterhalten sie sich mit anderen über den ganz normalen digitalen Wahnsinn unserer Zeit.

Wann haben Sie selber diesen Wahnsinn entdeckt?

Im Jahr 2009. Damals entwendete mein wichtigster Mitarbeiter sein Firmenhandy aus meinem Schreibtisch, weil er den von mir verordneten «Offline-Urlaub» nicht umsetzen wollte: Statt abzuschalten mit seiner Familie, wollte er im Urlaub arbeiten. «Wie krank ist das denn? Meine Mitarbeiter versklaven sich selbst!», dachte ich mir. Ich wollte keine digitalen Leibeigenen als Mitarbeiter, sondern mündige Menschen, die anschalten, um das Beste aus der Digitalisierung rauszuholen, die aber auch abschalten können, um das Beste im Leben zu geniessen.

Und Ihr eigener Online-Konsum? Wie sah der zu jener Zeit aus?

Nach diesem Erlebnis wurde mir bewusst, dass ich binnen zwölf Jahren als Journalistin und Managerin von Internetfirmen bereits 1,5 Jahre vermailt und 2,5 Jahre versurft hatte. Die Zeitersparnis, die Effizienz- und Produktivitätssteigerung, die das Digitale bewirken kann, tritt nur dann ein, wenn der Mensch seinen Konsum kritisch hinterfragt und die Geräte entsprechend smart konfiguriert.

Was ist denn so verlockend an den kleinen Geräten, dass Menschen offenbar davon süchtig werden?

Mit den zahllosen Aufmerksamkeitsreizen, die Smartphones bieten, machen sie unser Hirn süchtig nach Dauerablenkung. Gleichzeitig verfügt ein Smartphone über Ego-Booster wie Social Media oder süchtig machende Games. Wir machen total hirnbefreit alles, was medienmöglich ist, und sind ständig auf Abruf, als wären wir Notärzte, beruflich und privat. Das bereitet Stress, ruiniert Arbeitsspass, Produktivität – und ist schlecht für die Kussbilanz.

«Wir machen total hirnbefreit alles, was medienmöglich ist, und sind ständig auf Abruf, als wären wir Notärzte, beruflich und privat.»

Welche Folgen des digitalen Overkills halten Sie für die schlimmsten?

Ganz vorne: Lebenszeitvergeudung! Mehr als die Hälfte seiner 16 Wachstunden verbringt der Homo digitalis mit seinem Handy, im Netz und vor der Glotze. Knapp zehn Sekunden pro Tag erübrigt er im Schnitt fürs Küssen. Der Homo digitalis ist ein lebenszeitverachtender Prioritätensetzer: Die schönsten Momente fotografiert er, statt sie zu erleben. 88-mal am Tag wird das Handy gecheckt. Hat man eine neue Mail wahrgenommen, bleibt diese maximal sechs Sekunden ungelesen – auch wenn es die unnötigste Viagra-Spam-Mail aller Zeiten ist. Das kostet Produktivität: Bürokrieger verbringen eineinhalb Arbeitstage pro Woche in ihrer Mailbox. Sie glauben, überall zu sein, sind aber nirgends mehr wirklich präsent. Weder beim Partner noch bei den eigenen Kindern und am Arbeitsplatz schon gar nicht.

Wie gehen Sie selber mit Ihrem Smartphone um?

Handys haben Bett- und Tischverbot. Ich checke Mails nur einmal am Tag, Social Media nutze ich beruflich nur gelegentlich, in meinem Privatleben spielen sie überhaupt keine Rolle. Im Urlaub schalte ich komplett vom Job ab, zelebriere Treibholztage ohne Handy, ohne Plan und Ziel und flaniere durch meine eigene Stadt wie ein Erstbesucher, solche Sachen.

Was halten Sie von digitaler Abstinenz?

Seit zwanzig Jahren wissen wir, dass die Digitalisierung die Technologie unserer Zeit ist. Nur wer sie beherrscht, ist wettbewerbsfähig. Daher ist Abstinenz sicher keine Lösung. Es geht nicht einmal zwingend darum, weniger online zu sein. Aber es muss darum gehen, besser und bewusster online zu sein. Wir brauchen beide Pole: meditieren und programmieren – das sind Kernkompetenzen von heute und morgen.

«Wir brauchen beide Pole: meditieren und programmieren – das sind Kernkompetenzen von heute und morgen.»

Der deutsche Psychiater Manfred Spitzer warnt in seinem gleichnamigen Bestseller davor, dass unkontrollierter Online-Konsum zu «Digitaler Demenz» führt. Was sagen Sie dazu?

Ich kenne Manfred Spitzer persönlich. Was uns eint, ist das kritische Hinterfragen der Nebenwirkungen der Digitalisierung. Was uns trennt, ist der Umgang damit. Für mich sind die digitalen Angebote so lebenswichtig wie der Strassenverkehr. Deshalb plädiere ich für «Fahrschulen» und publiziere «Verkehrsregeln». Manfred Spitzer hingegen will den Strassenverkehr abschaffen und das Autofahren verbieten. Meine Thesen liefern den Menschen Rezepte für einen intelligenten Umgang mit der Digitalisierung. Medien machen nicht per se dumm oder schlau. Das, was der Mensch draus macht, entscheidet über das Ergebnis.

Was ist eigentlich mit Ihrem Mitarbeiter passiert, der sein Smartphone aus einer Schublade Ihres Schreibtisches entwendet hat?

Ich habe ihn im Urlaub arbeiten lassen und sein Fehlverhalten ignoriert. Drei Monate später hat er freiwillig sein Smartphone gegen ein altes, nicht internetfähiges Handy eingetauscht. Warum? Weil er auf dem Spielplatz Mails gecheckt hat, unaufmerksam war und seine Tochter deshalb von der Schaukel gefallen ist. Die Kleine hat zu ihm gesagt: «Papa, dein Handy macht mir Aua!» Da wusste er, jetzt habe ich mein Handy nicht mehr im Griff, sondern mein Handy mich.