Dossier: Junge Erwachsene

Grassrooted, die Gemüseretter

Die Aktion machte von sich reden: Der Verein Grassrooted rettete letzten Sommer fast 30 Tonnen Tomaten vor der Biogasanlage, die halbe Schweiz war im Sugo-Fieber. Dahinter steckte unter anderen der 21-jährige Dominik Waser – und viel Idealismus und Entscheidungsfreude.

Text: Julie Freudiger, Fotos: zVg

Er kommt einige Minuten zu früh. Ein letzter Blick aufs Handy – zig Mails und Nachrichten warten darauf, beantwortet zu werden. «Ich arbeite momentan rund um die Uhr», kommentiert Dominik Waser und wirkt dabei erstaunlich frisch. Man spürt: Er brennt für sein Projekt. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Martin Schiller hat der 21-Jährige letztes Jahr den Verein Grassrooted gegründet. Das Ziel: Die Lebensmittelverschwendung in der Landwirtschaft zu thematisieren und Alternativen aufzuzeigen. Denn rund zwei Drittel unseres Gemüses landen im Abfall – rund 300'000 Tonnen davon in der Landwirtschaft, weil die Früchte oder das Gemüse nicht der Norm entsprechen. Etwas, das Dominik sauer aufstösst: «Es kann doch nicht sein, dass wir einwandfreie Ware wegwerfen, die unter teuren Schweizer Arbeitsbedingungen produziert worden ist!» Aktionen zum Verkauf von mehreren Tonnen Überschussgemüse, ein Marktstand, Messeauftritte, Workshops, Kooperationen mit Grosshändlern und Bauern, ein Laden in Zürich: «Wir haben so viele Ideen! Wir hätten Arbeit für zehn Leute», kommt Dominik in Fahrt. Sein Studium der Umweltingenieurswissenschaften hat der gelernte Gärtner vorerst auf Eis gelegt.

Wir können das Problem nicht von heute auf morgen lösen. Aber wir Jungen haben die Freiheit, daran zu glauben.»

«Da machen wir jetzt etwas dagegen!»

Kennengelernt haben sich Martin und Dominik während des Studiums. Die beiden fragten sich: Schaffen wir es, Gemüse, das nicht der Norm entspricht, zurück in den Kreislauf zu bringen? Aus purer Neugier schrieben sie im Sommer 2018 Bauern an. Dann kam die Meldung, dass 30 Tonnen Tomaten die Haltbarkeitskriterien für den Verkauf beim Grossisten nicht erfüllen und ihnen ein Schicksal in der Biogasanlage droht. Dominik erinnert sich: «Wir haben uns gesagt: Da machen wir jetzt etwas dagegen!» Kurzerhand schalteten sie ein Bestellformular auf ihre brandneue Website und ihr noch jungfräuliches Facebook-Profil – die Aktion ging viral. Nationale Medien berichteten über die Aktion, das Telefon der beiden Aktivisten klingelte pausenlos, Mails ratterten in das Postfach. Die Schweiz war im Tomatenfieber. Innerhalb von vier Tagen wurden fast alle Tomaten reserviert. Ab diesem Zeitpunkt wusste Dominik: Der Einsatz lohnt sich, die Leute unterstützen ihr Anliegen.

An den Wandel glauben

Auf die Tomatenrettung folgten weitere Aktionen. Immer wieder brachte Grassrooted Produzenten, Bauern, Händler und Ladenbesitzer an einen Tisch, um Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft zu finden. Etwa, als sie einen Grossisten und einen bekannten Safthersteller dazu bewegen konnten, mehrere Tonnen Rüebli zu verarbeiten. Das Gemüse war zu gross für die Verpackung, der Bauer hätte die Ernte verrotten lassen müssen. «Wir können das Problem nicht von heute auf morgen lösen. Aber wir Jungen haben die Freiheit, daran zu glauben. Wenn wir die verlieren ...» Dominik beendet den Satz nicht. Den Mut zu verlieren, ist keine Option.