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Dossier: Feiern und geniessen

Der wahre Luxus heisst Gemeinschaft

Genuss hat nicht zwangsläufig mit Champagner und Kaviar zu tun. Die Gäste der Zürcher Gassenküche Speakout freuen sich auf den Geschmack von Anja Schlauris Pasta Bolognese genauso – besonders, weil sie sie zusammen geniessen.

Text: Helwi Braunmiller; Foto: Kostas Maros

Wenn Anja Schlauri ehrenamtlich einmal im Monat in der Gassenküche Speakout im Zürcher Niederdorf den Kochlöffel schwingt, ist es vor allen Dingen erst mal: eng. Raum ist Mangelware in der Küche der städtischen Wohnung, wo an vier Abenden pro Woche jeweils 40 Menschen umsonst ein warmes Abendessen bekommen – im Winter sogar an fünf. Seit mehr als einem Jahrzehnt kocht die Leiterin Marketing Services von Sanitas ehrenamtlich, immer die beliebte Pasta Bolognese. Das Gesamtbudget: gerade einmal 120 Franken – für Salat, Hauptspeise und Dessert.

«Als ich das erste Mal für die Gassenküche einkaufen war, sagte meine Begleiterin: Nimm einfach ein bisschen günstiges Gemüse. Da musste ich gestehen: Es tut mir mega leid – ich habe keine Ahnung, was am billigsten ist», blickt Anja Schlauri zurück. «Ich hatte bis dato einfach immer das Glück, einkaufen zu können, worauf ich gerade Lust hatte.»  

«Unsere Gäste haben ihre Art, mit dem Leben umzugehen, und ich habe meine. Und das ist okay.»

Eine wichtige Erfahrung – und ein Lernprozess hin zu einem gesunden Pragmatismus. «Es gibt eben beide Seiten: Ich darf weiterhin ohne schlechtes Gewissen meine Genussabende mit Mehrgängern für meine Freunde machen und kann andererseits 40 Leute mit einem kleinen Budget mit etwas Feinem, Frischen satt bekommen. Denn das ihre Art, mit dem Leben umzugehen, und ich habe meine. Und das ist okay», erklärt die Leiterin Marketing Services bei Sanitas.

Schnell war klar: Die Gassenküche bedeutet ihren Besuchern viel mehr als ein frisch gekochtes, warmes Gericht. Ein guter Teil der Besucher entflieht so für kurze Zeit der Einsamkeit. Viele kommen schon seit Jahren regelmässig, man kennt sich. «Das ist wie: heimkommen und Mutti kocht schon. Du bist da, kochst in riesigen Töpfen und die Besucher fragen, was es heute gibt. Vielleicht hilft jemand noch, Gemüse zu schneiden oder macht den Abwasch – wie in einer Familie eben», sagt Anja Schlauri. In der Vorweihnachtszeit wird die Stimmung im Speakout sanfter, melancholischer. Besonders dann sind die gemeinsame Zeit und der Luxus, nicht alleine essen zu müssen, der grösste Genuss.  

«Jeder, der ein Ehrenamt übernimmt, tut es auch ein bisschen für sich selbst. Mir gibt es das Gefühl: Ich gebe etwas zurück.»

Nicht immer geht es so harmonisch zu. Alle Gäste im Speakout bringen unterschiedliche Geschichten mit, nur der kleinste Teil der Gäste ist obdachlos. Aber: Es sind alles Menschen, die in irgendeiner Form Probleme haben, von sehr jung bis sehr alt. Sehr selten gibt es auch schwierige Momente im Speakout. «Natürlich habe ich mich da manchmal gefragt: Warum mache ich das? Auch, weil ich zum Glück selbst nie mit Gewalt in Berührung gekommen bin. Aber schlussendlich: Jeder, der ein Ehrenamt übernimmt, tut es auch ein bisschen für sich selbst. Mir gibt es das Gefühl: Ich gebe etwas zurück.»

Anja Schlauri schenkt ihre Zeit, beschäftigt sich mit den Besuchern, lacht mit ihnen. Und die Gäste erden sie im Gegenzug. «Von den Menschen im Speakout habe ich viel gelernt. Für uns ist es oft viel zu wichtig, was du hast und was du bist. Da ist es schön, auf dem Boden zu bleiben und zu sehen: Es geht auch anders und man kann das Leben auch geniessen, wenn es mal harziger ist.»