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Bewegung tut auch dem Rücken gut!

Im Interview erklärt Dr. med. Susanne Stronski Huwiler, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Leiterin Schulärztlicher Dienst der Stadt Zürich, wie es um den Kinderrücken steht und was ihm gut tut.

Frau Stronski Huwiler, wie steht es um die Rückengesundheit unserer Kinder?

Das ist schwierig zu sagen, denn Rückenschmerzen sind sehr subjektiv und es ist nicht klar definiert, ab wann eine Haltungsschwäche vorliegt. Es gibt Studien, die besagen, dass 40% der Kinder und Jugendlichen von Rückenschmerzen betroffen sind. Bei genauerem Nachfragen stellt sich dann aber oft heraus, dass Kinder oder Jugendliche auch mal Muskelkater oder Schmerzen von einem Sturz mit dem Skateboard als Rückenschmerzen angeben. Wenn man solche Schmerzen ausklammert, bleiben rund 17% übrig, bei denen man tatsächlich von chronischen Rückenschmerzen sprechen kann.

Welche Rolle spielt der richtige Thek?

Die Machart des Theks wurde meiner Meinung nach in letzter Zeit etwas überbewertet. Wenn der Schulthek richtig bepackt ist und richtig getragen wird (mit beiden Schlaufen!) kann er sogar einen Trainingseffekt für sich entwickelnde Muskeln und Knochen bringen. Viel wichtiger ist, dass sich die Kinder ausreichend bewegen und eine starke Rückenmuskulatur haben.

Wir appellieren auch regelmässig an die Lehrer, dass sie die Schüler nicht unnötig viele Bücher schleppen lassen sollen. Und die Eltern fordern wir auf, darauf zu achten, dass ihre Kinder ihren Thek regelmässig aus- und aufräumen. Es ist manchmal ganz erstaunlich, wie viele unnötige Sachen die Kinder wochenlang hin- und hertragen. Gewicht sparen kann man übrigens auch bei den Getränken: Geben Sie Ihren Kindern eine leere Getränkeflasche mit, die sie dann in der Schule mit Wasser füllen können.

«Viel wichtiger ist, dass sich die Kinder ausreichend bewegen und eine starke Rückenmuskulatur haben.»

Werden Kraft, Beweglichkeit und Koordination bei Kindern und Jugendlichen allgemein schlechter?

Ja, man kann den Analogieschluss ziehen, dass sich der körperliche Zustand der Kinder tendenziell eher verschlechtert – dafür sprechen auch Zahlen von den Aushebungen für die Rekrutenschule. Für viele Kinder ist bereits ein Purzelbaum ein Problem. Bei diesen Bewegungsdefiziten gibt es gemäss einer Untersuchung der ETH Zürich einen klaren soziodemografischen Zusammenhang: Kinder aus privilegierten Schichten sind körperlich deutlich kräftiger und leistungsfähiger als jene aus sozial schwächeren Schichten.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Zwischen Mädchen und Knaben gibt es vor der Pubertät keinen signifikanten Unterschied. Nach der Pubertät zeichnet sich ab, dass Mädchen sich tendenziell weniger bewegen.

Kann auch zu viel Bewegung ungesund sein?

Ja, vor allem Kinder aus privilegierten Schichten sind oft zu stark ausgebucht mit Sport und Förderprogrammen. Das ist auch nicht ideal und führt die Kinder nicht unbedingt zu einem lebenslangen, gesunden Bewegungsverhalten. Insbesondere einseitige leistungsorientierte Belastungen – wie beispielsweise fünfmal pro Woche 2 Stunden Ballett – sind weder kindgerecht noch wirklich gesund.

Fehlt es in der Schweiz grundsätzlich an Bewegungsangeboten für Kinder?

Viele Vereine und Clubs richten sich immer mehr eher an leistungsorientierte Kinder. Hobbygruppen, die einfach den Spass an der Bewegung ins Zentrum stellen, gibt es dagegen immer weniger. Das erschwert der Zielgruppe, die es besonders nötig hätte, den Zugang zu Sport und Bewegung. Glücklicherweise versucht das neue Sportförderungsgesetz des Bundes durch die Förderung attraktiver Bewegungsangebote für alle Altersgruppen hier Gegensteuer zu geben.

Erfreulicherweise entstehen aber auch viele niederschwellige Alternativen, weil die Bewegungsförderung für Risikogruppen zur Angelegenheit der Stadt und Gemeinden wird. In Bern gibt es zum Beispiel Hip-Hop-Kurse für übergewichtige Kinder oder in Zürich das Bewegungsprogramm Minifit, das sich besonders an Kinder mit wenig Bewegungserfahrung, aber auch an übergewichtige Kinder richtet. Ziel dieser Initiativen ist es, den Kindern die Freude an der Bewegung wieder zurückzugeben.

Wie wichtig sind die Eltern als Vorbilder?

Sehr wichtig – im Positiven wie im Negativen. Für Kinder, deren Eltern ständig über Rückenschmerzen klagen, werden Rückenschmerzen schneller auch zum Thema. Umgekehrt sind Kinder, deren Eltern aktiv sind, in der Regel selber auch aktiv. Das wichtigste ist also ein gutes Vorbild zu sein, mit seinen Kindern rauszugehen und etwas zu unternehmen.

Ihr Tipp für mehr Bewegung und einen starken, gesunden Rücken?

  • Sorgen Sie für häufige und vielseitige Bewegungszeiten draussen in der Natur, auf dem Spielplatz und mit Spielkamerade
  • Vermeiden Sie lange, einseitige Sitzpositionen
  • Limitieren Sie die TV- und Computerzeit konsequent und vereinbaren Sie eine tägliche «Maximaldosis»

Grundsätzlich gilt: Der Bewegungstrieb von Kindern ist normalerweise völlig ausreichend und es genügt, Kinder in ihrer Bewegung nicht einzuschränken, sondern diese einfach zuzulassen und wo immer möglich zu fördern.