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«Ambulante Operationen sind die Zukunft»

Ambulante Eingriffe haben ein Imageproblem. Zu Unrecht, findet Ärztin Daniela Centazzo, Direktorin ambulante Operationszentren der Hirslanden-Gruppe, denn im Operationssaal bestehe kein Unterschied zwischen einem ambulanten und einem stationären Eingriff.

Text: Nicole Krättli; Foto: iStock

Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten: Immer mehr operative Eingriffe werden ambulant durchgeführt. «Das ist unter anderem das Resultat des kontinuierlichen medizinisch-technischen Fortschritts, der eine ambulante Durchführung einer Vielzahl standardisierter chirurgischer Eingriffe erlaubt, ohne dabei an Qualität einzubüssen», erklärt Dr. Med. Daniela Centazzo, Direktorin ambulante Operationszentren der Hirslanden-Gruppe. Diese Entwicklung unterstützen beispielsweise modernere Narkoseverfahren und schonendere Operationstechniken, welche die Heilungsphase enorm verkürzen. Gleichzeitig können immer mehr Operationen minimalinvasiv durchgeführt werden, was wiederum zu einem sehr viel geringeren Komplikationsrisiko führt.

Für Patientinnen und Patienten ist diese Entwicklung ein Gewinn, ist Centazzo überzeugt. So kann ein Eingriff mit viel geringerem Zeitaufwand durchgeführt werden. In den ambulanten Operationszentren der Hirslanden-Gruppe beträgt die Aufenthaltsdauer der Patientinnen und Patienten im Durchschnitt gerade einmal zwei bis sechs Stunden. Schon am Abend sind die meisten von ihnen wieder zu Hause und können sich in ihrem gewohnten Umfeld vom Eingriff erholen, anstatt sich an den Tagesablauf in einem Spital gewöhnen zu müssen.

Hinzu kommt, dass die Patientinnen und Patienten in der Regel vom selben Personal betreut werden. «Bei einem ambulanten Eingriff gibt es meistens keinen Schichtwechsel. Somit werden die Patientinnen und Patienten von denselben Ansprechpersonen begrüsst und wieder verabschiedet», erklärt Centazzo weiter. Das macht die Betreuung nicht nur persönlicher, sondern hat auch den Vorteil, dass keine Übergabe des Patientendossiers stattfindet, bei der womöglich Wissenslücken entstehen.

Weitere Verlagerung von stationär zu ambulant

Schon seit einigen Jahren lautet das Credo der Schweizer Gesundheitspolitik «ambulant vor stationär». Das ist unter anderem eine Folge des steigenden Kostendrucks auf das Gesundheitssystem, der schlanke Prozesse und massgeschneiderte Abläufe zu einem wichtigen Element macht, um eine effiziente, sichere und kostenbewusste Medizin zu ermöglichen.

Seit Januar 2019 gibt es deshalb schweizweit sechs Gruppen von Eingriffen, für die die Krankenpflegeversicherung nur noch die Kosten für eine ambulante Durchführung vergütet. Dazu gehören beispielsweise Krampfaderoperationen an den Beinen, Eingriffe an Hämorrhoiden, Leistenhernienoperationen, Untersuchungen und Eingriffe am Gebärmutterhals oder an der Gebärmutter, verschiedene minimalinvasive Verfahren zur Behandlung von Meniskusverletzungen sowie Eingriffe an den Rachenmandeln.

Das zweite Monitoring 2020 des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zeigt, dass der Rückgang der stationären Eingriffe 2020 – wahrscheinlich pandemiebedingt – schwächer war als noch im Jahr zuvor. Trotzdem hat weiterhin eine Verlagerung vom stationären in den ambulanten Bereich stattgefunden.

Doch es gibt Ausnahmen: Die Regelung «ambulant vor stationär» sieht vor, dass die Krankenkasse in einem begründeten Fall auch eine stationäre Massnahme bezahlen kann. Dies etwa bei einer Vorerkrankung oder wenn der Eingriff in Kombination mit einer anderen Operation erfolgt, die ohnehin stationär durchgeführt werden muss.

Bei 43 Prozent (bei Hämorrhoiden) bis 95 Prozent (bei Kniearthroskopien) der im Jahr 2020 stationär durchgeführten Eingriffe kann gemäss des Monitorings ein Grund identifiziert werden, weshalb die Behandlung stationär erfolgte. Für 5 bis 57 Prozent der ausnahmsweise stationär durchgeführten Eingriffe gab es hingegen keine Erklärung. Ein kleiner Teil der Ausnahmekriterien könne nicht statistisch erfasst werden, heisst es in der Mitteilung. Ob diese fehlenden Daten die ganze Differenz zu erklären vermögen, weiss das Bundesamt für Gesundheit nicht.

Schweiz hinkt bei ambulanten Eingriffen hinterher

Obschon ambulante Eingriffe immer mehr zunehmen, haben sie weiterhin ein Imageproblem. Das dürfte dann wohl auch einer der Gründe sein, weshalb die Schweiz im Vergleich zum Ausland mit rund 30 Prozent ambulanten Eingriffen den nordischen Ländern (rund 60 Prozent) und den USA (rund 80 Prozent) hinterherhinkt. «Wir gehen allerdings davon aus, dass diese Entwicklung in der Schweiz in die gleiche Richtung gehen wird», erklärt Dr. Med. Daniela Centazzo von der Hirslanden-Gruppe. Und ergänzt: «Ambulante Operationen sind die Zukunft. Wir haben keine andere Wahl, als uns darauf einzulassen.»

Trotzdem wirft das neue System immer noch zahlreiche Sicherheitsfragen auf. Ärztin Centazzo wird regelmässig von Patientinnen und Patienten gefragt, ob sie ambulant gleich gut versorgt werden wie stationär. «Im Moment, in dem sich die Tür zum Operationssaal öffnet, besteht kein Unterschied zwischen einem ambulanten und einem stationären Eingriff», versichert Centazzo und hält fest, dass ambulante Operationssäle sowohl personell wie auch in Bezug auf die Infrastruktur gleich gut ausgerüstet sind wie stationäre. So sei ein ambulantes Operationszentrum genauso gut auf mögliche Notfallszenarien vorbereitet wie jedes Spital.

Der Unterschied besteht lediglich in der Vorbereitung und der Nachsorge einer Operation. «Sind vor dem Eingriff Tests nötig, können diese in der Regel beim Hausarzt durchgeführt werden», erklärt Centazzo. Für die Zeit nach der Operation gebe es dann ein strukturiertes Nachsorgekonzept, das dem Patienten im Detail erklärt werde. «Zudem können die Patienten den zuständigen Operateur rund um die Uhr über eine Notfallnummer erreichen», so die Fachexpertin weiter.

Zu solchen Notfällen käme es aber äusserst selten. Das liegt gemäss Centazzo vor allem daran, dass jene Eingriffe, die ambulant durchgeführt würden, keine relevante Veränderung im Stoffwechsel oder in der Funktion der Organe sowie keine nennenswerten Blutverluste verursachen. Die Ärztin ist deshalb überzeugt, dass sich ambulante Operationen auch in der Schweiz bei einer Vielzahl ungefährlicher Eingriffe durchsetzen werden: «Mein liebstes Feedback, das ich von Patientinnen und Patienten bekommen habe, ist: Ich habe mich in einem Spital noch nie so gut gefühlt.»