Dossier: Familie

Positive Unverplantheit: «Mir ist sooo langweilig!»

Es regnet. Keiner der Freunde hat Zeit. Die Spielsachen sind doof, keine Lust, irgendetwas zu tun. Langeweile! Warum ein bisschen wohldosierte Ödheit Kindern eher nützt als schadet.

Interview: Helwi Braunmiller; Foto: iStock

Die Psychologen Susanne Walitza und Simon Grunauer erklären, was Langeweile ist, und warum sie unter dem Strich ein sehr positiver Zustand ist.

Was genau löst Langeweile aus?

Simon Grunauer: Langeweile ist ein komplexes Phänomen. Die Wissenschaft ist sich uneinig über die Definition. Es ist zudem noch nicht klar, warum wir Menschen uns langweilen. Am häufigsten wird Langeweile als ein unangenehmer emotionaler Zustand beschrieben, möglicherweise ausgelöst durch Monotonie und geringe Stimulation. Auch nimmt man an, dass eine hohe, andauernde Aufmerksamkeit und Konzentration und eine geringe Motivation Faktoren sind, die Langeweile begünstigen.  

Manche Eltern haben das Gefühl, ihr Kind jammere besonders viel über Langeweile – oder ihm werde es viel schneller langweilig als anderen. Gibt es da tatsächlich Unterschiede?

Simon Grunauer: Ja, Kinder haben unterschiedliche Aktivitätsniveaus: Die einen brauchen viele unterschiedliche Aktivitäten und wechseln auch schnell und häufig zwischen diesen. Solchen Kindern kann es auch bei vermeintlich attraktiven Beschäftigungen schnell langweilig werden. Andere Kinder beschäftigen sich hingegen länger, manchmal stundenlang mit der gleichen Tätigkeit oder den gleichen Spielsachen. Auch Persönlichkeitseigenschaften wie zum Beispiel Introversion und Extraversion wirken sich unterschiedlich auf das Erleben von Langeweile aus.

Ist Langeweile auch eine Frage des Alters?

Simon Grunauer: Ja und nein. Schon ganz kleinen Kindern wird es langweilig, nur können sie das Gefühl oft noch nicht so gut einordnen und benennen – sie zeigen dann einfach kein Interesse mehr, jammern oder weinen sogar.

Bis ins Jugendalter tritt Langeweile immer wieder auf – das Ausmass ist aber sehr individuell.

Bis ins Jugendalter tritt Langeweile immer wieder auf – das Ausmass ist aber sehr individuell und abhängig davon, wie viel Programm die Kinder und Jugendlichen haben. Im späteren Jugendalter nimmt die Langeweile eher ab, weil die Jugendlichen in der Ausbildung stark gefordert sind und sie sich, wie es in unserer westlichen Kultur üblich ist, mit Freizeitangeboten und Konsumieren ablenken. Im Erwachsenenalter scheint es Langeweile kaum mehr zu geben bzw. wird sie nicht mehr zugelassen: entweder weil man dadurch als faul gelten könnte oder weil man sich dann mit sich selber beschäftigen müsste.

Ist Langeweile ein Zeichen elterlicher Vernachlässigung? Schadet sie dem Kind sogar?

Simon Grunauer: Wenn Kinder in Verhältnissen aufwachsen, in denen sie physisch und/oder psychisch vernachlässigt werden, kann Langeweile schaden. Umgekehrt gilt das jedoch nicht: Langeweile schadet Kindern in einem guten Umfeld nicht – ausser sie sind auf Dauer extrem unterfordert. Dies kann Kinder daran hindern, ihr Potenzial zu entfalten. 

Wie sollten Eltern am besten reagieren, wenn ihr Kind über Langeweile klagt?

Simon Grunauer: Erst einmal das Gefühl des Kindes so akzeptieren, zum Beispiel mit Paraphrasierungen wie: «Aha, hast du gerade noch keine Idee, was du nun machen möchtest?» Dann können sie gemeinsam mit dem Kind überlegen, ob andere Gefühle im Spiel sind, beispielsweise: «Könnte es sein, dass du dich ärgerst, weil du nicht weisst, was du tun sollst?» Eltern können darauf die positive Seite der Langeweile hervorheben, indem sie sagen: «Es scheint, dass die Langeweile momentan für dich schwierig auszuhalten ist. Aber so gibt es auch Platz für neue Ideen!»

Eltern sollten versuchen, das Kind so anzuleiten, dass es selber auf neue Ideen kommt.

Schliesslich können sie mit dem Kind zusammen herausfinden, wie es mit seiner Langeweile umgehen könnte. Dabei ist es am besten, wenn sie nicht einfach die hundert Spielzeuge aufzählen, die das Kind im Kinderzimmer hat. Die Eltern sollten eher versuchen, das Kind so anzuleiten, dass es selber auf neue Ideen kommt.

Susanne Walitza: Es geht also nicht darum, Kinder grundsätzlich sich selbst zu überlassen, sondern neben gemeinsamen Aktivitäten auch den Wert von Langeweile zu erkennen.

Diesen Wert nehmen viele Menschen aber nicht so wahr, sondern versuchen eher, Kinder ständig «zu bespassen». Macht das Sinn, oder kann das im Gegenteil auch kontraproduktiv sein?

Susanne Walitza: Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Jede Familie muss ihr eigenes Gleichgewicht finden, das den Bedürfnissen der Eltern und der Kinder gleichermassen gerecht wird. Was für die eine Familie richtig ist, passt für die andere weniger. Aber Kinder brauchen keine Rund-um-die-Uhr-Bespassung. Sie brauchen Phasen ohne Animation, freie Zeit – und manchmal eben auch Langeweile.

Wir appellieren an die Eltern: Vertrauen Sie Ihrer Intuition! Das Gefühl, wann Anregungen zur Selbsthilfe notwendig sind, wann gemeinsame Aktivitäten angebracht sind und wann das Kind selbst mit der Langeweile zurechtkommen sollte, haben Eltern in der Regel. Es hängt vom Alter der Kinder ab, ihrer Entwicklungsphase, ihrer Persönlichkeit.  

Warum können Kinder vom Umgang mit der Langeweile profitieren?

Simon Grunauer: Langeweile ist zunächst einmal ein gutes Übungsfeld, um sich mit sich und seinen Gedanken und Bedürfnissen auseinanderzusetzen und diese formulieren zu lernen. Und das ist auch für Jugendliche und Erwachsene hilfreich und gesundheitsfördernd.

Wenn wir versuchen, bei jedem aufkommenden Gefühl der Langeweile das Kind mit Aktivitäten abzulenken, wird diese Ablenkung zur Selbstverständlichkeit.

Susanne Walitza: Denn Langeweile ist eben keine Zeitverschwendung. Ein Kind kann vor allem durch selbst überwundene Langeweile lernen, etwas mit sich anzufangen, Ideen für Beschäftigungen zu entwickeln. Es setzt sich mit dem Gefühl der Langeweile auseinander und muss dabei lernen, eine entstandene Leere zu füllen, und es lernt so auch, den Wert von Beschäftigungen und Anregungen zu schätzen. Wenn wir versuchen, bei jedem aufkommenden Gefühl der Langeweile das Kind mit Aktivitäten abzulenken, wird diese Ablenkung zur Selbstverständlichkeit. Durch Phasen der Langeweile kann das Kind hingegen Interesse an verschiedensten Themen, Aktivitäten usw. entwickeln, einen Sinn in Beschäftigungen finden, den man nicht verordnen kann.

Ausserdem ist Langeweile ein Zeichen für Entspannung und Ruhe und kann damit auch ein gutes Zeichen sein. Sie stellt sich nur ein, wenn Kinder weniger unter Stress stehen und weniger Termine haben, zum Beispiel am Wochenende.  

Man hat beobachtet, dass das Gehirn durch Phasen der Langeweile leistungsfähiger wird.

Und es gibt verschiedene medizinische und psychologische Studien, die bei Langeweile Aktivitäten des Gehirns nachweisen. Auch in einer Phase, in der das Gehirn kaum gefordert wird, arbeitet es also: Man hat beobachtet, dass das Gehirn durch Phasen der Langeweile leistungsfähiger wird.

Können Kinder mit der Zeit also lernen, alleine aus langweiligen Situationen herauszufinden?

Susanne Walitza: Kinder, die das Gefühl der Langeweile kennen, erinnern sich auch daran, wie sie frühere Situationen der gedehnten Zeit genutzt haben. Sie haben das Vertrauen entwickelt, diese langen Weilen nutzen zu können. Kinder, die wenig Erfahrung im Umgang mit Langeweile haben, müssen das erst noch erleben. Aber wenn wir als Eltern der Langeweile mit Selbstverständlichkeit begegnen, ihr einen Wert beimessen und den Kindern das Vertrauen entgegenbringen, dass sie es schaffen, mit der Langeweile umzugehen, entwickeln sie dieses Selbstvertrauen.

Darf man es sich als Eltern auch mal einfach machen und das Kind vor den Fernseher setzen, wenn ihm langweilig ist?

Simon Grunauer: Ja, wenn die Sendung, das Game oder der Youtube-Film altersgerecht und auf das Kind abgestimmt ist und nicht allzu lange dauert. Mit den Eltern gemeinsam einen Film schauen oder ein Game spielen macht den Kindern häufig aber mehr Spass. Gleichzeitig erfahren die Eltern dabei, wie es um die Medienkompetenz ihrer Kinder steht. Statt passiven Konsumierens digitaler Medien ist ein aktiver, kreativerer Gebrauch viel sinnvoller. Zum Beispiel können Kinder einen Videoanruf bei Grosseltern, Götti oder Kollegen starten. Sie können mit einfachen Programmen selber Filme drehen und vertonen. Des Weiteren gibt es tolle Apps, um beispielsweise selber Musik zu komponieren oder einen Comic zu gestalten.