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Dossier: Sexualität

Sich zeigen, wie man ist

Michel von Känel steht als Lehrer vor der Klasse und als Dragqueen vor Publikum. Die Verwandlung zur Kunstfigur Paprika ist Teil seines Lebens.

Text: Anna Miller; Fotos: Colin Frei

Disneyland Paris, ein Ausflug mit der Familie, die Parade der Märchenfiguren, die Disney-Prinzessinnen, Arielle, die Meerjungfrau. All die schönen Kostüme, die Perücken. Und Michel, der kleine Junge, der staunt. Der sich zum sechsten Geburtstag eine Barbie wünscht. Sehnsüchtig in der Migros vor dem Spielzeugregal steht mit seinem Vater. Der Vater, der kurz zögert und sich dann denkt: «Immerhin wollen meine Kinder keine Waffen.» Er habe immer gewollt, dass seine Kinder glücklich werden, sagt Michel von Känel heute.

Er ist 24 Jahre alt, tagsüber Oberstufenlehrer und abends einmal im Monat Dragqueen. Eine von rund zwanzig aktiven in der Schweiz. Dann zieht er sich grosse Roben an, die er selbst entwirft und näht, und schminkt sich minutiös vor dem Spiegel. Etwa drei Stunden braucht er für seine Verwandlung in «Paprika» – seine Rolle, die eine Kunstform und gleichzeitig Selbstausdruck ist. 

Michel lebt bei seinen Eltern in einem 1600-Seelen-Dorf im Aargau. Hat er einen Auftritt, packt er alle Requisiten in einen Koffer, er besteht mittlerweile darauf, vom Veranstalter vor Ort eine Möglichkeit zum Umziehen zu bekommen. Denn als Dragqueen möchte Michel nicht alleine an einem Bahnhof warten. Hate Crimes, also Gewalttaten gegen Menschen der LGBTQ+-Community, passieren in der Schweiz immer wieder. Sein Vater habe darum manchmal richtig Angst um ihn gehabt.

Zuhause, sagt Michel, fühlte er sich eigentlich immer verstanden. Die Eltern, seit 30 Jahren verheiratet, kommen aus dem linken Milieu. Im Kinderzimmer lagen Barbies neben Legosteinen, an Weihnachten wurden Bühnenbilder gemalt und Kostüme genäht, und wenn Michel mit Puppen spielte, dann machte sein Bruder einfach mit. Nur manchmal hörte er die ungläubigen Fragen der Anderen, der Nachbarn, der Verwandten: «Michel spielt mit Puppen?»

Drag als Statement

Als Schulkind ist Michel zwar nie allein. Aber irgendwie spürt er, dass er anders ist. Warum weiss er auch nicht recht. In der Oberstufe tritt er dem Theaterverein der Schule bei. Dort trifft er das erste Mal auf Männer, die auch weinen, die ihre Gefühle zeigen. Gleichzeitig wird ihm bewusst, dass er sich unwohl fühlt mit einigen Jungs aus seiner Klasse. Damit, dass die beginnen, die weiblichen Körper zu sexualisieren. Während er sich nicht dafür interessiert, wer wen küsst. Das Schreien, das Rangeln, das pubertäre Machtgehabe stossen ihn ab. Diese Idee von «Boys just wanna be boys, Buben wollen doch bloss spielen.» «Doch Männer können sich genauso zusammenreissen wie alle anderen auch», sagt Michel. 

Manchmal, wenn Michel als Paprika auftritt, greifen Menschen an sein mit Schaumstoff ausgepolstertes Hinterteil, grabschen nach seinem Körper, weil dieser in einem Frauenkleid steckt. Etwas, das Frauen kennen, und Männer nur selten erfahren. «Gerade deshalb», sagt Michel, «ist diese Sache mit dem Drag auch etwas Politisches. Es ist ein Statement.» Er sei damit eine sichtbare Provokation für all diejenigen, die genaue Vorstellungen von Vorrecht und Stärke haben. Und eine Gallionsfigur für alle, die wissen, wie es sich anfühlt, marginalisiert zu werden. «Mit dem Unterschied, dass ich mein Frausein ablegen kann.»

Vor vier Jahren outet sich Michel als homosexuell, zuerst bei seinem Vater, «vielleicht, weil er schon in den Jahren davor Sätze sagte wie: ‹Wenn ihr mal nach Hause kommt mit der ersten Freundin oder dem ersten Freund ...› Weil er mir damit ein Zeichen gab, dass es okay wäre, wenn es so ist.» Der Vater spricht mit der Mutter. Die braucht Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen. 

Die Sache mit dem Drag ist etwas Politisches.

Männlichkeit neu definieren

Bei Michels Auftritten dreht sich am Anfang alles um die Kostüme. Um den künstlerischen Ausdruck, um Theater, ums Schauspiel, um das Erzählen von Geschichten. Und darum, die eigene Weiblichkeit besser kennenzulernen. Michel spielt mal eine Meerjungfrau, mal ein Alien, mal eine Prinzessin. Doch schnell wird für Michel das Drag-Sein zu mehr. «Da stand ich im Kostüm und junge Menschen fingen an, zu weinen, als sie mich sahen. Einige fassten durch mich den Mut, sich zu outen. Und ich merkte: Ich kann sie inspirieren, sich selbst so zu zeigen, wie sie sind.»

Dass sich sein Sohn regelmässig als Frau verkleidet, ist für den Vater kein Problem. Es gehe doch darum, Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Letztes Jahr war er an der Pride-Parade mit dabei, er engagiert sich seit Kurzem in einem kleinen Verein von Eltern von LGBTQ+-Kindern. 

Früher sei es ihm sehr darum gegangen, gesehen zu werden, sagt Michel. Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil er sonst eher still ist, schüchtern, im alltäglichen Leben. Doch die Drag hat ihn wachsen lassen. «Als Frau bin ich der stärkere Mensch. Viele meinen, es gehe beim Drag im Grunde darum, eine Frau sein zu wollen, doch das hat nichts mit meinem biologischen Geschlecht zu tun», sagt Michel. «Aber mit Stärke sehr wohl. Und die hat sich nun auch auf mich, Michel, den cis-Mann übertragen. Ich bin Mann und als Mann lebe ich meine Weiblichkeit als eine von vielen Facetten. Ich habe meine Männlichkeit neu definiert.»