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Dossier: Sexualität

Tabuthema Erektionsstörungen

Niemand spricht gerne darüber. Dabei sind viele Männer jeden Alters davon betroffen. Wenn der Penis nicht mehr richtig funktioniert, belastet das die Psyche und nicht selten auch die Beziehung. Was kann man gegen Erektionsstörungen tun?

Text: Julie Freudiger; Foto: Claudia van Zyl / Unsplash

Ein Mann sollte jederzeit zu einer Erektion fähig sein. Dieser Mythos hält sich hartnäckig in den Köpfen fest. Und er ist mit ein Grund, warum Erektionsstörungen für viele Männer mit grosser Scham verbunden sind. Sie glauben, dass es ein persönliches Versagen ist. Dabei liegen erektilen Dysfunktion in den allermeisten Fällen körperliche Ursachen zugrunde. Dies erlebt Prof. Dr. med. Nicolas Diehm am Zentrum für Erektionsstörungen täglich. Er beantwortet für uns die fünf wichtigsten Fragen rund um die männliche Sexualität.

1. Was ist eine Erektionsstörung?

«Bei einer erektilen Dysfunktion (ED) ist es einem Mann dauerhaft nicht möglich, eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten, die für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr ausreicht. Die Probleme müssen dabei über einen längeren Zeitraum und bei den meisten Versuchen auftreten. Wenn es hin und wieder mal nicht klappt, muss das nicht sofort krankhaft sein. Zwischen einer sehr hohen Erektionsfähigkeit und der absoluten Unmöglichkeit einer Erektion gibt es zudem viele Abstufungen. Wenn ein Mann gar nicht mehr auf Medikamente anspricht, liegt eine schwere erektile Dysfunktion vor. Dies betrifft etwa 10 Prozent aller Patienten.»

2. Wie häufig sind Erektionsstörungen und wer ist davon betroffen?

«Sie sind sehr häufig. Rund 52 Prozent der Männer zwischen 40 und 70 Jahren leiden an einer erektilen Dysfunktion, wie eine Studie aus Massachusetts, USA, zeigt. In der Schweiz sind es rund 350‘000 Männer. Darunter auch junge – wir sehen pro Woche ungefähr drei Patienten, die um die 20 Jahre alt sind. Die Erektionsfähigkeit nimmt aber auch mit zunehmendem Alter natürlicherweise etwas ab. Wo der Leidensdruck für einen Mann beginnt, ist dabei sehr individuell. Einige meiner Patienten sind 40 Jahre alt und lassen sich nur auf Wunsch ihrer Frau abklären. Dagegen ist einer meiner Patienten 90 Jahre alt, und ihm ist die Sexualität immer noch sehr wichtig.»

3. Was sind die Ursachen von Erektionsstörungen?

«Anders als oft vorschnell diagnostiziert, haben Erektionsstörungen sehr selten eine rein psychische Ursache. Der mit Abstand häufigste Grund sind Gefässerkrankungen, bis zu 70 Prozent der Patienten sind davon betroffen. Durch Ablagerungen in den Arterien (Atherosklerose) fliesst zu wenig Blut in den Penis, der dadurch nicht anschwillt. Bei vielen jungen Männern sind die Venen das Problem: Es kommt zwar genügend Blut in den Penis, die Venen können dieses aber nicht halten und es fliesst zu schnell wieder ab. Weitere Ursachen für Erektionsprobleme sind Nerven- oder hormonelle Störungen, was aber selten ist. Bei milden Formen ist nicht zuletzt der Lebensstil ausschlaggebend: Übergewicht, Stress und Rauchen wirken sich auf die Erektionsfähigkeit aus.»

4. Wie kann man Erektionsstörungen behandeln?

«Wenn es sich um eine sehr milde Form handelt, sind Stressreduktion, Bewegung, eine gesunde Ernährung und mit dem Rauchen aufzuhören ein erster Schritt. Daneben empfehle ich eine ärztliche Abklärung beim Urologen und Angiologen. Bei einem zu schnellen Venenabfluss kann Beckenbodengymnastik helfen, oder als nächste Behandlungsoption die Venen mit einem Gewebe-Kleber zu verschliessen. Wenn verengte Gefässe das Problem sind und Medikamente nicht mehr helfen, kann ein Stent oder ein Ballon die verengten oder verschlossenen Arterien wieder aufmachen, ähnlich wie beim Herz. In diesem Fall müssen Risikofaktoren behandelt und der Lebensstil angepasst werden.»

5. Warum ist es wichtig, eine Erektionsstörung abzuklären?

«Eine erektile Dysfunktion kann – muss aber nicht – ein hoher Leidensdruck für die Männer sein. Sie beeinflusst oft die Partnerschaft, die Lebensqualität und das Wohlbefinden. Sie kann sogar zu einer Depression führen. Ausserdem ist eine Erektionsstörung unter Umständen ein frühes Warnzeichen, um einen möglichen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu verhindern. Da die Penisarterien sehr klein sind, macht sich eine Gefässverengung – die später zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann – dort am schnellsten bemerkbar. So hat man die Möglichkeit, frühzeitig einzugreifen, damit sich die Gefässe nicht weiter verändern.»