Dossier: Sexualität

Liebe, Sex, Verhütung: Was bewegt Jugendliche?

Was beschäftigt die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von heute, wenn es um ihre Sexualität geht? Wir haben bei einer Expertin nachgefragt und klären auf.

Text: Katharina Rilling; Foto:

1800 Fragen beantwortet die anonyme Online-Beratung Lilli.ch pro Jahr. Besonders in Sachen ungewollte Schwangerschaft ist die Angst gross. Daneben sind auf der Plattform für Jugendliche und junge Erwachsene sexuelle Probleme, Beziehungsfragen, schwierige Gefühle, sexuell übertragbare Infektionen und Gewalterfahrungen Dauerbrenner. Und über allem steht die Frage: Bin ich normal?

Verhütung und Angst vor ungewollter Schwangerschaft 

Frage auf Lilli.ch: «Ich habe starke panische Angst vor einer Schwangerschaft. Ich nehme die Pille nicht mehr. Darum machen wir nur Petting. Vorher haben wir auch nie Geschlechtsverkehr gehabt, da es bei mir nicht reingeht (versucht haben wir es aber). Dabei achten wir auch sehr darauf, dass nichts passiert. Ich habe Angst, dass mein Freund mit seiner Hand auf meine Scheide gekommen ist und nicht bemerkt hat, dass er Lusttropfen daran hatte: Kann ich so schwanger werden?»

Das sagt die Expertin: «Die meisten Fragen erhalten wir zu Verhütungssorgen», sagt Annette Bischof-Campbell, Psychotherapeutin und Geschäftsleiterin des Online-Angebots Lilli. «Viele plagt die Angst, dass die Verhütung unter bestimmten Umständen nicht wirkt.» Manche Frauen fragen in Sachen Pille & Co. lieber anonym auf Lilli.ch nach, statt sich an den Frauenarzt oder die Frauenärztin zu wenden.

Grundsätzlich fällt ein grosses Unwissen rund um die eigenen Genitalien auf. «Wenn eine Frau Vulva und Scheide nicht voneinander unterscheiden kann und es für sie nur ein ‹da unten› gibt, helfen ihr Infos zur Verhütung wenig. Denn sie wird nicht wissen, wie sie diese auf den eigenen Körper übersetzen kann», so die Therapeutin. «Wichtig ist deshalb, dass wir sie dabei unterstützen, eine Sprache rund um ihre Genitalien und ihre Sexualität zu entwickeln.»

Aber auch junge Männer sind verunsichert: «Viele sind überfordert von der eigenen Potenz und der Vorstellung, eine Frau schwängern zu können. Manche machen sich Sorgen, dass sich ein Spermium wie ein Virus verhalten und ‹hochansteckend› zu einer Schwangerschaft führen könne.» Ausserdem spürten viele grossen Druck, funktionieren zu müssen. Das könne dann dazu führen, dass das Kondom weggelassen werde – aus Angst davor, mit Kondom die Erektion zu verlieren.

Schwierige Gefühle

Frage auf Lilli.ch: «Ich bin weiblich und 16 Jahre alt. Ich schreibe euch, weil ich verzweifelt bin. Momentan bin ich aufgrund einer Auslandsreise für eine zweiwöchige Quarantäne in einem Motel. Durch die Einsamkeit gibt es für mich scheinbar keinen Weg, meinen Kopf vor einem ewigen Panikkreislauf zu bewahren.»

Das sagt die Expertin: Schwierige Gefühle wie Liebeskummer, Trauer oder Einsamkeit während der Pandemie sind ein weiteres grosses Thema bei jungen Menschen. «Das Internet hilft einigen, aus der Isolation herauszufinden», so Bischof-Campbell. «Die Krise spiegelte sich 2020 im bislang stärksten Ansturm auf unsere Online-Beratung. Mit 2247 Beratungen haben wir unser damaliges durchschnittliches Jahrespensum um fast 90 Prozent übertroffen. Obwohl die Beratungen anonym sind, sind sie sehr persönlich. Für viele ist Lilli eine ständige Begleiterin.»

Es ist viel Unwissen und Unsicherheit zu spüren. Nicht nur bei den Jugendlichen

Sexuelle Probleme 

Frage auf Lilli.ch: «Welche Übungen kann ich machen, damit ich mehr in meiner Freundin spüre… Sex erregt mich kaum, nur Masturbation und dann mit Geschwindigkeit und Druck. Gesundheitliche Probleme sind ausgeschlossen.»

Das sagt die Expertin: Die Sexualität ist ein Dauerbrenner auf Lilli.ch. Da die Online-Beratung anonym ist, stellen junge Leute Fragen, die sie unter Kollegen und Kolleginnen nicht ansprechen würden. «Es ist viel Unwissen und Unsicherheit zu spüren», weiss Bischof-Campbell. «Nicht nur bei den Jugendlichen. Auch wenn wir offiziell eine Plattform für Junge sind, wenden sich Menschen aller Altersgruppen an uns.» Eine der wichtigsten Fragen – trotz der Vielfalt und Informationsflut im Internet – sei: «Ist das normal, bin ich normal?» Lesen und anschauen kann man heute viel rund um Sexualität. Aber: «Was nützt mir alle Aufklärung, wenn ich keinen Bezug zu meinem eigenen Körper herstellen kann? Leider kommt im heutigen Leben das Körperliche oft zu kurz.»

Praktisches Begreifen und das Aufbauen von Selbstsicherheit hätten mit Anfassen, Erleben und Spüren zu tun. Guter Sex falle eben nicht vom Himmel – auch wenn im Internet diese Erwartung geschürt würde. «Viel wichtiger ist es, selbst Erfahrungen zu sammeln und so das eigene Gespür, die sexuelle Erregungsfähigkeit und die Fähigkeit, sexuelle Lust zu empfinden, effektiv zu trainieren.» Und darum heisst es: Erkunden, spüren, üben! «Unsere Informationstexte mit Übungstipps zu sexuellen Themen werden pro Tag zum Teil über 400-mal aufgerufen. Wir merken, dass hier ein Riesenbedarf besteht», so die Therapeutin.

Sexuell übertragbare Infektionen

Frage auf Lilli.ch: «Ich kann keinen Sex haben, weil ich mich überproportional vor HPV-Infekten fürchte. Deshalb bin ich nicht weitergegangen, obwohl ich es so gerne würde.»

Das sagt die Expertin: «Früher beschäftigte HIV, heute bekommen wir auffällig viele Fragen zu HPV», so die Geschäftsleiterin von Lilli. Die Therapeutin macht die gehäufte mediale Berichterstattung rund um die HPV-Impfung für das Interesse an den humanen Papillomviren verantwortlich, die zu Krebserkrankungen oder Warzen im Genitalbereich führen können. «Einige recherchieren dann selber bei Google und steigern sich im schlimmsten Fall in Angstfantasien hinein. Hier hilft zum einen Aufklärung, zum anderen erklären wir die Logik und die Mechanismen hinter der Angst. Angst hängt immer mit körperlicher Anspannung zusammen. Es hilft vielen Ratsuchenden, wenn wir ihnen ein paar Tipps geben, wie sie sich beruhigen können – beispielsweise Atemtipps oder Tipps, wie man sich bewegen kann, um eine Angstspirale besser in den Griff zu bekommen.»  

Beziehungen und Gewalt

Frage auf Lilli.ch: «Hallo, eine Frage: Bin ich ein schmutziges Mädchen, wenn ich meine Periode habe? Meine Mutter sagt das immer zu mir. Und noch was: Wenn ich Sex mit meinem Freund habe, tut es immer weh. Er ist auch sehr grob zu mir beim Sex. Tut es vielleicht deswegen weh?»

Das sagt die Expertin: «Lillis Ziel ist, die sexuelle und persönliche Selbstsicherheit Jugendlicher und junger Erwachsener zu stärken. Dies wirkt auf vielen Ebenen präventiv gegen Gewalt – auch subtile Formen der Gewalt, wie wir sie leider oft in Familien sehen», sagt Annette Bischof-Campbell.

Selbstsichere junge Menschen könnten in Beziehungen ihre Anliegen vertreten und schützten sich besser vor sexuellen Übergriffen und anderen Formen der Gewalt. Umgekehrt respektierten sie die Anliegen und Grenzen anderer und würden im Umgang mit ihnen nicht auf Gewalt zurückgreifen. «Wir arbeiten an der Stärkung der Selbstsicherheit, indem wir mit ganz konkreten Tipps die Selbstwahrnehmung, das Selbstbewusstsein und die Handlungskompetenz stärken.»