Dossier: Digitales Leben

Der vermessene Mensch: Verliert die Solidarität an Bedeutung?

Smartphones und Smartwatches machen uns das Leben einfacher. Doch was bedeutet es, wenn immer mehr Device-Hersteller, App-Betreiber und Dienstleistungsanbieter über immer mehr Kundendaten verfügen? Wie soll in Zukunft mit schützenswerten Daten umgegangen werden? Und was heisst das für die Versicherung?

Text: Andrea Gerfin, Isabelle Fretz; Foto: Luke Chesser / Unsplash

Ob beim Einkaufen, beim Essen, beim Sport oder beim Chatten mit unseren Freunden – die Digitalisierung durchdringt mehr und mehr alle Lebensbereiche und verändert unsere Gesellschaft grundlegend. Davon betroffen ist auch der Gesundheits- und Versicherungssektor. Denn je mehr Datenpunkte über unser Leben und unseren Körper vorhanden sind, desto gläserner wird beispielsweise auch der persönliche Gesundheitszustand. Für den Umgang mit solchen sensiblen Daten sind nicht nur rechtliche, sondern auch ethische Überlegungen wichtig.

Für den Versicherungsbereich wurde dazu eine Grundlage erarbeitet: Gemeinsam mit Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft hat die Stiftung Sanitas ein Konsenspapier veröffentlicht. Dieses soll aufzeigen, wie Unternehmen, Staat sowie Konsumentinnen und Konsumenten ihre digitale Verantwortung im Versicherungsumfeld wahrnehmen können und dennoch der Spielraum für zukunftsgerichtetes Handeln erhalten bleibt.

Gefährdet die digitale Selbstvermessung die Solidarität?

In der Kranken-Grundversicherung leistet jeder seine Kopfprämie und ist dafür abgesichert, sollten einmal viele Arztbesuche oder eine Operation nötig sein. Andere, die kaum gesundheitliche Schwierigkeiten haben, finanzieren das mit – so will es das Solidaritätsprinzip. Doch was, wenn die Menschen aufgrund der digitalen Lebens- und Körperdaten immer mehr vergleichbar sind? Werden Gesundheitsbewusste in weiterer Zukunft noch bereit sein, für diejenigen mitzuzahlen, die wissentlich Gesundheitsrisiken eingehen? Und was heisst diese Entwicklung in der privaten Zusatzversicherung? Werden Versicherungslösungen mit verhaltensabhängigen oder gar individualisierten Prämien immer mehr Auftrieb erhalten?

Die digitale Entwicklung wirft viele Fragen auf, mit welchen sich die Gesellschaft als Ganzes auseinandersetzen muss. So gilt es für Unternehmen, Staat und Bürger, gemeinsam neu zu definieren, was Fairness und Gleichbehandlung im digitalen Zeitalter heissen.

Welche Verantwortung kommt den Versicherungen zu?

Wer Daten verwendet und speichert, muss für Transparenz sorgen. Wie werden die Daten erhoben, wozu werden sie genutzt, werden die Daten allenfalls an Dritte weitergegeben und wie sind sie löschbar? Mit vielfältigen Angeboten können die Versicherungen Wahlmöglichkeiten schaffen – auch was den Einbezug von personenbezogenen Daten betrifft. Die Konsumenten sollen selbstbestimmt beurteilen können, welche Dienstleistungen sie beziehen und welche Daten sie dafür teilen möchten. Das entspricht den ethischen Prinzipien Autonomie und Persönlichkeitsschutz.

Welche Rolle kommt dem Staat zu?

Der Staat erlässt Rahmenbedingungen für Unternehmen und Bürger, um die digitale Transformation zu unterstützen und gleichzeitig gesellschaftlich unerwünschter Diskriminierung vorzubeugen. Er hat eine Aufsichtspflicht für Versicherer, prüft neue Versicherungs- und Prämienmodelle und kontrolliert die Umsetzung von Datenschutzrichtlinien. Im Rahmen der weiteren digitalen Entwicklung könnte er fördern, dass beispielsweise allgemeine Geschäftsbedingungen oder Datenschutzrichtlinien vereinfacht und für Konsumentinnen und Konsumenten verständlicher dargestellt werden dürfen – beispielsweise über Piktogramme.