Bedrohen Apps die Solidarität?

Sollen Personen, die gesund leben, weniger Krankenkassenprämien zahlen? Fakt ist: Das Solidaritätsprinzip gerät durch den digitalen Wandel zunehmend unter Druck.

Text: Roland Brühwiler

Ob fitte Sportlerin, chronisch Kranker, gesunder Jugendlicher oder gebrechliche Grossmutter: In der Schweiz zahlen prinzipiell alle gleich viel für ihre Grundversicherung, unabhängig von Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand. Das Gegenbeispiel ist die verursacherorientierte Autoversicherung: Wer mehr Schäden generiert, zahlt auch mehr.

Heute lässt sich durch Apps und Smartwatches jedoch ganz einfach messen und tracken, wie viel wir selbst zu unserer Gesundheit beitragen: Bewegen wir uns ausreichend? Was macht unser Blutdruck? Ernähren wir uns gesund? Schlafen wir genug?

Das macht Vergleiche möglich – und könnte schliesslich das Solidaritätsprinzip zum Wanken bringen: Dann nämlich, wenn Krankenkassenprämien für Menschen günstiger würden, die sich fit halten und auch sonst gesund leben.

Fast die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass Gesunde und Fitte begünstigt werden sollten.

Doch wie stehen Schweizerinnen und Schweizer zu dieser Idee? Die Stiftung Sanitas Krankenversicherung hat diese Frage 2019 im Rahmen der Studie «Datengesellschaft und Solidarität» von der Forschungsstelle Sotomo untersuchen lassen – bereits zum zweiten Mal. Ein Resultat dieser repräsentativen Umfrage: Fast die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass Gesunde und Fitte begünstigt werden sollten.

Noch 2018 zeigte sich ein anderes Bild: Verhaltensabhängige Versicherungsprämien fanden im Vorjahr nur den Zuspruch von 40 Prozent der Befragten. Heute hingegen finden fast zwei Drittel derjenigen, die ihre eigene Lebensweise als überdurchschnittlich gesund einschätzen, verhaltensabhängige Prämienrabatte angemessen. Gleichzeitig halten knapp zwei Drittel derjenigen, die ihren Lebensstil als weniger gesund beurteilten, nichts von verhaltensabhängigen Prämien.

Mehr Lebensvermessungen und Wissen um die individuelle Gesundheit erhöhen also den Druck auf die Solidarität im Gesundheitswesen. Immerhin: 56 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass ihnen die Solidarität der Gesunden mit den Kranken prinzipiell wichtig ist – aber nur, solange das eigene Portemonnaie nicht leidet.