Dossier: Gesundes Gehirn

Die Depression hat viele Gesichter

Depressionen nehmen zu. Während des Lockdowns im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie sind sie sogar sprunghaft angestiegen, wie diverse Studien zeigen. Doch nicht jede Niedergeschlagenheit ist auch gleich eine Depression.

Text: Robert Wildi; Foto: Unsplash

Phasen der Traurigkeit, der Niedergeschlagenheit, der Kraftlosigkeit allein sind noch keine Depression im klinischen Sinn. Der in Zürich praktizierende Psychoanalytiker Martin Brezina zieht einen Vergleich: «Hat jemand eine laufende Nase, ist das zwar ein Symptom, aber noch keine Grippe.» Vielmehr müssten mehrere Symptome gleichzeitig auftreten, bevor man von einer Grippe sprechen könne. Dasselbe gelte für Depressionen.

Symptome einer Depression

Solche Symptome können der Verlust von Antrieb und Interesse sein, aber auch Kraftlosigkeit, innere Unruhe, Anspannung, Freudlosigkeit und Müdigkeit. Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Verlust von Selbstvertrauen, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Veränderungen des Appetits und Suizidgedanken können auftreten – und dies in verschiedensten Konstellationen. Auch nach aussen zeigen sich Depressionen ganz individuell: Manche Menschen ziehen sich zurück, andere wirken rastlos, werden laut und streitsüchtig. Manche weinen häufig, andere wirken erstarrt und gefühlskalt. «Die Depression hat viele Gesichter. Sie ist nicht immer leicht erkennbar», sagt Brezina.

Je nach Häufung und Schwere der Symptome unterscheiden Fachleute zwischen leichter, mittlerer und schwerer Depression.

Auslöser einer Depression

Ausgelöst wird eine Depression laut dem Psychoanalytiker «meist durch längere Phasen von Überlastung und Überforderung, durch schwierige Konstellationen in der Familie, problematische Beziehungen, anhaltenden Stress am Arbeitsplatz, Enttäuschungen, Verlust und Krisen oder auch Mobbing». Mit Faulheit oder einer falschen Einstellung zu den Dingen haben Depressionen dagegen nichts zu tun. Im Gegenteil sind Betroffene «häufig sehr engagiert, gewissenhaft und auf der Suche nach Lösungen». In ihrer zunehmenden Überlastung suchen sie fieberhaft nach Auswegen, bis sie nicht mehr «abstellen» können und der Organismus versucht, «sich mit einem Energierückzug zu schützen». 

«Die Depression verändert das Wesen des Betroffenen sehr stark», sagt Brezina. Depressive leiden erheblich, aber auch ihr Umfeld, die Familie, die Kinder werden belastet. Scham und ein schlechtes Gewissen können zusätzlich niederdrücken.

Wer hilft bei Depressionen?

Der Hausarzt oder die Hausärztin behandeln eine depressive Erkrankung oft mit Medikamenten. Reicht dies nicht aus, überweisen sie Betroffene in eine psychiatrische oder psychologische Behandlung, die sie darin unterstützen soll, die entscheidenden Veränderungen einzuleiten. «Das braucht Zeit», meint Martin Brezina, «nicht nur weil die Auseinandersetzung mit Depressionen komplex ist, sondern vor allem auch weil eines der häufigsten Merkmale der Entstehungsgeschichte eben gerade darin besteht, sich keinen Raum und keine Zeit zur Auseinandersetzung zuzugestehen.»

Ist eine Depression erst einmal diagnostiziert, braucht es aber genau dies – und die richtigen Fachleute an der Seite. Eine rasche Unterstützung und psychische wie physische Entlastung sind wichtig. Die oft gehörte Aufforderung, sich einfach zusammenzureissen, ist kontraproduktiv. Vielmehr müssen alle Beteiligten viel Geduld und Wohlwollen aufbringen. Brezina macht Betroffenen aber auch Mut: «Depressionen sind in der Regel vorübergehend. Nur in sehr seltenen Fällen werden sie chronisch.»