Dossier: Starke Psyche

Wie Bewegung unsere Psyche positiv beeinflusst

Sport ist wichtig für einen starken, gesunden Körper. Aber nicht nur: Auch unser psychisches Wohlbefinden profitiert von regelmässiger Bewegung. Ein Sportpsychologe erklärt, wie die mentale Gesundheit über den Körper gestärkt werden kann.

Text: Michelle de Oliveira; Foto: Unsplash

Manche schwören darauf: bei schlechter Laune, bei Frust, bei Wut, bei Ängsten und Trauer. Oder auch dann, wenn man so richtig gut drauf ist. Sport ist für viele Menschen das Mittel der Wahl, wenn sie sich etwas Gutes tun wollen. Und das tun sie damit gleich auf mehreren Ebenen. Sport trainiert nicht nur den Körper, sondern hat auch einen direkten Einfluss auf unsere psychische Verfassung. Wer sich bisher vor Bewegung gedrückt hat, findet hier sieben Argumente dafür, Sport und Bewegung zu einer neuen Gewohnheit zu machen.

Wer Sport treibt, aktiviert seinen Hormonhaushalt. «Der Körper schüttet dabei sogenannte Neurotransmitter aus, etwa Serotonin und Dopamin», erklärt der Sportpsychologe und Coach Alain Meyer. «Sie sorgen dafür, dass wir weniger müde und besser gelaunt sind.» Gleichzeitig werden die Stresshormone Adrenalin und Cortisol abgebaut. Dadurch befinden wir uns nicht mehr im ständigen Bereitschaftsmodus – fight or flight – sondern erreichen einen entspannten Grundzustand. So verbessert sich oft auch der Schlaf, was wiederum einen direkten Einfluss auf unser Wohlbefinden hat.

Sport gibt uns die Gelegenheit, eine mentale Pause vom Alltag zu machen. «Eine Sporteinheit gleicht einem Neustart im Kopf», erklärt Meyer. «Wer den ganzen Tag gestresst vor dem Computer sitzt, kann den Körper als wunderbares Instrument brauchen, um das Gedankenkarussell zu bremsen oder gar für einen Moment ganz zu stoppen.» Dabei gilt nicht, je strenger, desto besser: «Das ist ein alter Glaubenssatz, den wir über Bord werfen sollten», erklärt Meyer. «Denn wer sich beim Sport nur an der Leistung orientiert, setzt sich dadurch möglicherweise unnötig unter Druck und ist frustriert, wenn die zu hoch gesteckten Ziele nicht erreicht werden.»

Wer sich bewusst Zeit für Bewegung nimmt und etwa Zeit in der Natur verbringt, wird achtsamer. Bei einem Spaziergang im Wald kann man den Boden unter den Füssen spüren, das Lichtspiel in den Blättern betrachten und den Waldgeräuschen lauschen. Und endlich wieder einmal bewusst atmen. «Achtsamkeit, auch als Mindfulness bezeichnet, hat nachweislich einen positiven Einfluss auf die Psyche», sagt Meyer. Ausserdem hat man die Gelegenheit, ähnlich wie beim Meditieren, die eigenen Gedanken zu beobachten und sich bewusst zu werden, was sich im Kopf – oft unbewusst – gerade abspielt.

Wer regelmässig Sport treibt, wird einen Unterschied bemerken: «Man fühlt sich fitter, gesünder, beweglicher und vielleicht sogar um ein paar Pfund leichter», sagt der Sportpsychologe. Dadurch verbessert sich das allgemeine Wohlbefinden, das Auftreten wird selbstbewusster und die Lebensfreude nimmt zu. Allerdings ist Geduld gefragt: «Veränderungen treten meist nicht von heute auf morgen ein», sagt Meyer. «Aber wer dranbleibt und regelmässig Sport treibt, wird nicht enttäuscht werden.»

Sport hinterlässt nicht nur Spuren im sichtbaren Körper, sondern hat auch einen Einfluss auf unser Gehirn. Es wird besser durchblutet und mit mehr Sauerstoff versorgt. Damit kann es einem leichter fallen, sich zu konzentrieren und Neues zu lernen. Ausserdem kann das Ausüben neuer Sportarten das Hirn trainieren, bisher vernachlässigte Areale aktivieren und neue Synapsen bilden. Sport hält also auch das Gehirn fit.

«Viele denken, Sport bedeute, dass wir danach schweissgebadet und fix und fertig sein müssen», sagt Sportpsychologe Meyer. «Das stimmt aber überhaupt nicht. Am besten so viel Sport treiben dass man sich danach unter der Dusche bereits wieder aufs nächste Mal freut.» Man muss also keine Marathonläufe anstreben, keine Tour-de-France-artige Fahrradtouren hinlegen oder bis zum Umfallen im Fitnesscenter trainieren. Wer lieber tanzt, Yoga praktiziert, mit dem Hund ausgedehnte Spazierrunden dreht oder in der Kletterwand neue Routen testet, tut sich genauso etwas Gutes wie jemand, der sich beim Fit-Boxen auspowert. Wichtig ist, dass es Spass macht und einem ein gutes Gefühl gibt: «Die Freude am Erlebten wirkt sich wiederum positiv auf unser Wohlbefinden aus», sagt Meyer.

Wer eine passende Sportart gefunden hat, baut diese am besten fix in den Alltag ein, vorzugweise täglich eine halbe Stunde oder mehr. «Ich buche mir Termine in meinen Kalender und schreibe dazu: Meeting mit meinem wichtigsten Klienten», erklärt Alain Meyer. Ein Date mit sich selbst, bei dem man sich was Gutes tut. Das kann auch der Heimweg nach der Arbeit sein, den man zu Fuss oder mit dem Fahrrad statt mit dem Bus zurücklegt und so auch Gelegenheit hat, den Arbeitstag bewusst hinter sich zu lassen. Man kann die Treppe statt den Lift wählen oder beim Zähneputzen einige Kniebeugen machen. Auch das ist Bewegung. Und darauf soll man ruhig stolz sein. So empfiehlt der Sportpsychologe: «Mit sich selbst wohlwollend zu sein und sich – auch für kleine – Bewegungseinheiten zu feiern, tut gut, motiviert und befeuert die Neurotransmitter noch weiter.»