Dossier: Starke Psyche

Sportsucht: Mit eisernem Willen

Sport soll dabei helfen, gesund zu bleiben – eigentlich. Vanessa Mamie hat das Gegenteil erlebt: Sie rutschte in die Sportsucht ab. Heute setzt sie sich dafür ein, dass dieses Thema kein Tabu mehr ist.

Text: Irène Schäppi; Foto: Colin Frei

Pummeli: Das war Vanessa Mamies Spitzname bis vor zwölf Jahren – bevor die heute 27-Jährige begann, exzessiv Sport zu treiben. Sie erinnert sich: «Wir haben zuhause immer dreimal am Tag zusammen gegessen, Frühstück, Mittag- und Abendessen.» Dazwischen naschen war dagegen nicht erlaubt. Bis Vanessa eine Lehre als Kauffrau begann. «Plötzlich gab es dazu Gipfeli und Kuchen in der Pause oder andere Snacks zwischendurch», erzählt Mamie. Das habe sie genossen und sich dabei nicht zurückgehalten. Warum auch? Sie habe schon als Kind einen gesunden Appetit gehabt und das Naschen nicht als etwas Schlimmes empfunden. Die Konsequenz: Sie nahm zu und stellte irgendwann kleine Speckröllchen am Bauch fest.

Eine dickere Freundin als No-Go

Kein grosses Drama für Vanessa. Für Freundeskreis und Familie allerdings schon. «Ständig wurde ich wegen meines Appetits kritisiert und sogar Fresssack genannt», so Mamie. «Auch mein damaliger Freund, ein Leistungsschwimmer, konnte nicht zu mir und meiner etwas rundlichen Figur stehen.» Er betrog sie schliesslich mit einer deutlich dünneren Frau. Die Trennung und die stetige Kritik an ihrem Essverhalten hatten Folgen. «Ich habe begonnen, aufs Essen zu achten und sehr oft ins Fitnessstudio zu gehen», berichtet Mamie. «Zuletzt habe ich mich fast nur noch von Früchten und Gemüse ernährt. Wenn ich mich belohnen wollte, erlaubte ich mir Käse oder Fleisch.» Aber nur dann, wenn sie davor genug Sport getrieben hatte.

Sie rutschte wegen ihrer stark reduzierten Ernährung langsam in die Magersucht. Der Sport nahm zu jener Zeit noch nicht überhand, er half ihre Kalorien zu verbrennen. Pro Tag erlaubte sie sich maximal 600 Kalorien – verbunden mit der selbstauferlegten Pflicht, am selben Tag 2500 Kalorien wieder abzutrainieren. Ein Jahr hielt sie durch, dann wurde ihr regelmässig schwarz vor Augen im Fitnesscenter. Vanessa wog zum damaligen Zeitpunkt noch 42 Kilo. Sie zog die Notbremse: Unterstützt von einem Therapeuten übte sie, wieder normal zu essen.

Zeitweise war ich dreimal täglich im Fitnessstudio oder bin nachts einen Halbmarathon gerannt.

Von der Magersucht in die Sportsucht

Doch die Angst vor dem Zunehmen blieb. Deshalb trieb sie weiterhin sehr viel Sport. «Ich hatte Angst, dass ich zu den Losern gehöre, wenn ich zunehme.» Sportlich aktiv zu sein, war für sie nicht nur ein Mittel zum Zweck; sie brauchte den Sport auch, um sich respektiert zu fühlen. Denn wer viel Sport treibt, wird bewundert. «Zeitweise war ich drei Mal täglich im Fitnessstudio, bin nachts einen Halbmarathon gerannt oder über 200 Kilometer mit dem Rennvelo gefahren. Sogar, wenn ich Fieber hatte», berichtet Mamie. «Dieser starken Leistungswillen kommt von meiner Familie», schildert Mamie. «Von klein auf habe ich gelernt: Man ist nichts wert, wenn man nicht immer sein Bestes gibt. Auch was das Aussehen und die Figur anbelangt.» Vanessa wurde immer dünner und trainierter, gleichzeitig aber einsamer: «Ich fokussierte mich ausschliesslich auf Essen, Trainieren, Arbeiten und Schlafen. Ich habe die Magersucht einfach durch die Sportsucht ersetzt», erkennt Mamie heute.

Symptome: Sportsucht wird oft spät erkannt

Der Raubbau an ihrem Körper hatte Konsequenzen: Vanessa litt an starken Kopfchmerzen, muskulärer Erschöpfung sowie Schlaflosigkeit – sie fühlte sich leer und ausgelaugt. «Es gab Tage, da wollte ich nur noch sterben», beschreibt sie diese Zeit. Schliesslich merkte sie selbst, dass sie so nicht weitermachen konnte: Sie wandte sich erneut an einen Psychologen. «Es hat mir gutgetan, über meine Sportsucht zu sprechen – eine Sucht, die von vielen als positiv wahrgenommen wird, da man mit Sport seinem Körper ja eigentlich etwas Gutes tut», erklärt Vanessa.

Tatsächlich ist das Problem gar nicht so selten. Laut einer aktuell laufenden Studie der Universität Basel weisen 10 Prozent von 300 befragten Schweizerinnen und Schweizern Anzeichen einer Sportsucht auf. Im ICD-Katalog, einem medizinischen Verzeichnis, in dem alle Krankheiten beschrieben sind, sucht man die Diagnose «Sportsucht» allerdings vergeblich – sie wird  von der Weltgesundheitsorganisation noch nicht als offizielle Krankheit anerkannt.

Mit persönlicher Erfahrung helfen

Vanessa Mamie hat ihre Sportsucht inzwischen überwunden und studiert berufsbegleitend Ernährungspsychologie. «Ich möchte meine persönlichen Erfahrungen mit Sport- und Magersüchtigen teilen und ihnen helfen. Oder bestenfalls dazu beitragen, dass es gar nicht so weit kommt», so Mamies Motivation. Sport ist in Vanessas Leben weiterhin wichtig – insbesondere Rennvelo fahren. «Aber das ist heute für mich keine Qual mehr. Sondern ich habe Freude daran und so einen Kanal für meine Emotionen gefunden.»