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Dossier: Stress und Entspannung

«Zeitmangel war mein Stressfaktor»

Beruf und Familie sind für Frauen heute gut vereinbar, das kann alles harmonisch und gut funktionieren: Diesen Anspruch an sich hatte auch Sibylle Stillhart – und scheiterte an ihm.

Text: Helwi Braunmiller, Julie Freudiger, Fotos: Kostas Maros

«Meine Tage zwischen Kindern und Beruf waren hektisch und streng: Nachts wurden mein Ehemann und ich von unseren kleinen Söhnen bis zu viermal geweckt. Frühmorgens machte ich das Frühstück, zog die Kinder an, hetzte in die Kita und liess die Kinder dort oft weinend zurück, weil sie nicht gern hingingen. Ich kam verschwitzt und gestresst im Büro an, meist als Letzte. Dafür habe ich ohne Mittagspause durchgearbeitet, bis ich die Kinder – wieder im Laufschritt – aus der Kita abgeholt habe. Dann noch schnell einkaufen gehen, Abendessen kochen, Kinder ins Bett bringen, aufräumen, waschen. Und nachts und am Tag darauf dann wieder das gleiche Spiel.

«Ich selber war überhaupt nicht mehr relevant.»

Ich hatte keine Minute für mich und war viel zu erschöpft für Dinge, die mir gutgetan hätten. Mein Mann half natürlich, wo er konnte, und hat sein Arbeitspensum auf 85 Prozent reduziert. Weil er durch das Pendeln in eine andere Stadt aber viel Zeit verlor, blieb der Grossteil der Hausarbeit trotzdem in meiner Verantwortung. Genau das habe ich in meiner Lebensgestaltung nicht beachtet: dass Kinder bei aller Liebe einfach auch unglaublich viel Arbeit machen und es im Haushalt viel mehr zu tun gibt als zuvor. Hinzu kam: Ich war hin- und hergerissen zwischen den Erwartungen meines Arbeitgebers und den Bedürfnissen meiner Söhne – ich selber war dabei überhaupt nicht mehr relevant.

Als ich meiner Frauenärztin erzählt habe, dass ich erschöpft sei, hat sie nur wissend genickt und gesagt: ‹Kündigen Sie Ihren Job.›. Ich war ein wenig entrüstet: Ich, eine Hausfrau? Ich bin ein normal belastbarer Mensch! Aber warum sonst bin ich so kaputt? Bis dato hatte ich mich schlicht nicht getraut, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie anzuzweifeln. Zudem: Die Leute glauben, je länger man am Arbeitsplatz sitze, desto besser arbeite man. Und das können sich Mütter nicht leisten.

«Ich kann mir heute die Zeit nehmen, meine Batterien wieder aufzuladen.»

Der Rat meiner Ärztin ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Als ich unter meinem neuen Chef im Job noch unglücklicher wurde, habe ich gekündigt. Das war eine riesige Erleichterung. Heute arbeite ich als freiberufliche Journalistin und habe gerade eben mein zweites Buch veröffentlicht. Die Arbeit zu Hause ist zwar manchmal einsam und das Familienbudget deutlich kleiner, aber der Konkurrenzkampf, der an vielen Arbeitsplätzen viel Energie frisst, fällt weg. Stattdessen arbeite ich mit Menschen, die mir wohlgesinnt sind.

Auch heute bin ich immer noch oft erschöpft, aber viel flexibler. Ich kann mir die Zeit nehmen, meine Batterien aufzuladen. Dafür reichen oft ja schon zwei, drei Stunden pro Woche aus. Ich gehe wieder schwimmen, mache Yoga oder treffe eine Freundin zum Mittagessen. Und unsere Familie ist noch einmal gewachsen: Von einem dritten Kind habe ich immer geträumt. Früher wäre das aber unvorstellbar gewesen – ich hätte es schlicht und ergreifend nicht geschafft.»