Bindungsstörung: Muster durchbrechen und tiefe Bindungen eingehen
Die meisten Menschen wünschen sich eine liebevolle Partnerschaft. Doch Erfahrungen aus der Kindheit können es erschweren, Vertrauen aufzubauen. Woran Sie erkennen, was Bindungen belastet.
Das Wichtigste in Kürze
- Eine echte Bindungsstörung ist eine seltene Diagnose bei Kindern. Bei Erwachsenen sind es eher Persönlichkeitsstörungen oder unterschiedliche Bindungsstile, die eine Partnerschaft belasten.
- Treffen Bindungsangst und Verlustangst aufeinander, kann das zu einer schwierigen Beziehungsdynamik führen.
- Eine Psychotherapie kann dabei helfen, ungesunde Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern. Die Krankenkasse zahlt diese Behandlung, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie anordnet.
Was ist eine Bindungsstörung?
Wie Menschen Beziehungen leben, ist erstaunlich vielfältig. Und doch haben viele von uns ähnliche Ansprüche an eine Partnerschaft: einen liebevollen Umgang oder Verlässlichkeit etwa. Tut sich ein Mensch schwer damit, sich auf eine tiefergehende Beziehung einzulassen, heisst es in den (sozialen) Medien neuerdings häufig: Bindungsstörung.
Umgangssprachlich wird der Begriff zunehmend auf Erwachsene angewendet. Ursprünglich handelt es sich dabei jedoch um eine Diagnose aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Betroffene Kinder sind in ihrer Entwicklung gestört, ihr Umgang mit anderen dadurch stark belastet.
Ursachen einer Bindungsstörung
Die Ursachen für eine unsichere Bindung sind vielfältig. Sie können, müssen aber nicht zwingend mit einem gewalttätigen oder missbrauchenden Umfeld zu tun haben.
«Eine Bindungsstörung kann auch entstehen, wenn ein Elternteil zum Beispiel schwer krank und deswegen nicht ausreichend für das Kind verfügbar ist», sagt Dr. Mark Ebneter, Chefarzt für Psychotherapie und Psychosomatik.
Zwei Arten von Bindungsstörungen
Die medizinischen Diagnosesysteme (wie ICD-10) unterscheiden zwei Formen:
- Bei der reaktiven Bindungsstörung weichen Kinder Bezugspersonen eher aus, suchen selten Trost, sind übermässig ängstlich oder wachsam.
- Bei der Bindungsstörung mit sozialer Enthemmung verhalten sie sich fremden Personen gegenüber ungewöhnlich distanzlos und suchen sofort engen Kontakt.
Die 4 Bindungsstile bei Erwachsenen (Bindungstheorie)
«Die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen Bezugspersonen macht, bilden eine Art Blaupause für das spätere Bindungsverhalten», sagt Mark Ebneter. Nicht jedes dieser frühen Muster geht mit einer klinischen Diagnose im Erwachsenenalter einher. Unsichere Bindungsstile machen es jedoch schwieriger, erfüllende Beziehungen aufzubauen und zu unterhalten.
Der Kinderarzt und Psychiater John Bowlby beschrieb dies bereits in den 1950er Jahren. Weiterentwickelt wurde seine Bindungstheorie durch die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth. Auf ihrer Arbeit basieren die vier Bindungstypen:
- sicher: Vertraut sich selbst und anderen, kann Nähe zulassen und gleichzeitig unabhängig bleiben.
- unsicher-vermeidend: Meidet Nähe aus Angst vor Zurückweisung.
- unsicher-ambivalent: Orientiert sich stark an Bezugspersonen und neigt zu Verlustängsten.
- unsicher-desorganisiert: Schwankt zwischen Sehnsucht nach Nähe und plötzlichem Rückzug.
Bindungsstörung oder Persönlichkeitsstörung?
Auch wenn es die Diagnose «Bindungsstörung» für Erwachsene nicht gibt: «Probleme im Beziehungsverhalten sind oft auch zentraler Bestandteil von anderen Diagnosen im Erwachsenenbereich, zum Beispiel bei Persönlichkeitsstörungen», so der Experte.
Etwa, wenn die emotionalen Wechsellagen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung das Miteinander beeinflussen: Auf intensive Nähe folgt plötzliche Ablehnung. Bei einer abhängigen Persönlichkeitsstörung hingegen ordnen sich Betroffene eher unter und suchen ständig Bestätigung.
6 Anzeichen für eine unsichere Bindung bei Erwachsenen
Jeder hat mal einen schlechten Tag. Manche Beziehungsmuster stehen, gerade wenn sie wiederholt auftreten, einem liebevollen Alltag allerdings entgegen. Dazu gehören:
- Schwierigkeiten, emotionale Nähe zuzulassen und Vertrauen aufzubauen
- Übermässiges Bedürfnis nach Nähe und Bestätigung
- Ausgeprägte Stimmungsschwankungen
- Impulsive Reaktionen
- Probleme, eigene Emotionen und Bedürfnisse klar auszudrücken
- Angst vor Kritik und Zurückweisung
Bindungsangst vs. Verlustangst
Bindungsangst und Verlustangst scheinen gegensätzlich, haben bei näherer Betrachtung jedoch den gleichen Ursprung: nämlich den Versuch, sich vor erneuten schmerzhaften Beziehungserfahrungen zu schützen.
- Bindungsangst führt dazu, dass Betroffene sich entziehen, sobald eine Beziehung enger und verbindlicher wird.
- Verlustangst bringt Menschen dazu, zu klammern, eigene Bedürfnisse unterzuordnen und nach Bestätigung zu suchen.
Treffen beide aufeinander, entwickelt sich eine Beziehungsdynamik, die Mark Ebneter wie folgt erklärt: «Oft sucht sich jemand mit einem ängstlichen Beziehungsstil eine Partnerin oder einen Partner mit einem beziehungsvermeidenden Stil, weil das scheinbar Autonome anziehend wirkt. Diese Beziehungskonstellation ist zwar oft erstaunlich stabil, aber für beide Seiten auch sehr belastend.»
Bindungsstil oder Persönlichkeitsstörung: Wie erfolgt die Diagnose?
Leidet die Lebensqualität unter solch wiederkehrenden Verhaltensmustern, ist womöglich eine Therapie angezeigt. Ein erstes Gespräch mit Hausarzt oder Hausärztin kann klären, ob die Schwierigkeiten Teil einer behandelbaren Erkrankung sind – etwa einer Persönlichkeitsstörung, einer Depression oder Anpassungsstörung – oder ob sich eine Paartherapie anbietet.
Was bringt eine Psychotherapie?
Psychotherapien zeigen bei manchen Persönlichkeitsstörungen ermutigende Ergebnisse, zum Beispiel bei der vermeidend-selbstunsicheren oder der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Selbst Patientinnen und Patienten mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) haben laut Mark Ebneter gute Chancen auf Besserung.
Eine kPTBS kann zum Beispiel auftreten, wenn in jungen Jahren wiederholt traumatische Erfahrungen gemacht wurden. «Laut Studienergebnissen erfüllen rund 80 Prozent der Betroffenen nach Abschluss einer Behandlung die Diagnosekriterien für die kPTBS nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass man geheilt oder vollkommen beschwerdefrei ist, aber es zeigt, dass moderne Psychotherapieverfahren wirksam sind.»
Auch ungesunde Beziehungsmuster und Ängste lassen sich in einer Psychotherapie bearbeiten und verändern. Hierfür kommen verschiedene Ansätze infrage:
- Verhaltenstherapie: Hilft, aktuelle Verhaltensmuster im Hier und Jetzt zu erkennen und neue, gesündere Kommunikationsweisen einzuüben.
- Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: richtet den Blick auf unbewusste Konflikte und Erfahrungen aus der Kindheit.
- Spezifische Verfahren: Konzepte wie die Schematherapie, die mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) oder körper- und kreativtherapeutische Gruppentherapien unterstützen dabei, den Kontakt zu sich selbst und anderen neu zu gestalten.
Wann zahlt die Krankenkasse eine Psychotherapie?
Seit dem 1. Juli 2022 ist die Behandlung durch eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeut von der Grundversicherung (OKP) abgedeckt. Voraussetzung ist, dass die Therapie von einem Arzt oder einer Ärztin mit passendem Facharzttitel angeordnet wird.
Bis ein Platz verfügbar ist, kann allerdings etwas Zeit vergehen. Eine Umfrage unter Fachärztinnen und -ärzten aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Erwachsene vom ersten Kontakt bis zum Termin durchschnittlich 41 Tage warten müssen. Bei Kindern und Jugendlichen sind es im Schnitt 56 Tage.
Paartherapien müssen privat gezahlt werden. Dafür ist die Wartezeit hier meist deutlich kürzer.
Fazit
Eine echte Bindungsstörung ist eine seltene, im Kindesalter diagnostizierte Störung, die oft auf Vernachlässigung beruht. Bei Erwachsenen sind es eher unsichere Bindungsstile oder Persönlichkeitsstörungen, die das Beziehungsleben erschweren.
Obwohl diese Prägungen tief verankert sind, zeigt die therapeutische Praxis, dass Veränderung möglich ist. Mit professioneller Unterstützung und dem Mut zur Selbsterkenntnis lassen sich alte Beziehungsmuster durchbrechen und neue Wege zu stabileren Partnerschaften finden.