Dossier: Sexualität

Diagnose Hodenkrebs: Wie weiter?

An Hodenkrebs erkranken vor allem junge Männer zwischen 20 und 40 Jahren. Zwar sind die Heilungschancen gut, dennoch ist die Diagnose ein Schock. Je früher man den Krebs entdeckt, desto besser. Was Sie dazu wissen sollten.

Autorin: Julie Freudiger; Foto: iStock

Krebs trifft immer die anderen. Bis er einen selbst trifft. So erging es auch dem heute 37-jährigen Simon A. Vor fünf Jahren erhielt er die Diagnose Hodenkrebs. Mittlerweile ist er geheilt, doch an den Tag der Diagnose erinnert er sich noch gut. «Es traf mich völlig unvorbereitet. Warum gerade ich?» 

Krebs ist ein Sammelbegriff für verschiedene Krankheiten, bei denen sich Körperzellen unkontrolliert vermehren und krankhaft verändern. So entstehen Geschwülste, die Tumore. Bösartige Tumore wachsen meist schnell ins umliegende gesunde Gewebe ein und zerstören dieses. Die Krebszellen können sich über die Blutbahn auch an anderen Stellen im Körper ansiedeln, wodurch Metastasen entstehen.

Warum jemand an Krebs erkrankt, ist in den meisten Fällen unklar. So auch bei Hodentumoren – jeder Mann kann an Hodenkrebs erkranken. Es gibt aber gewisse Risikofaktoren wie einen Hodenhochstand, Hodenkrebs in der Familie, frühere Hodenkarzinome, Unfruchtbarkeit oder eine Keimdrüsenunterfunktion.

Symptome von Hodenkrebs

In den allermeisten Fällen breitet sich Hodenkrebs nur innerhalb eines Hodens aus. Nur sehr selten sind beide Hoden betroffen. Greift der Krebs um sich, wächst er in Nebenhoden und Samenstrang ein, wo er gesundes Hodengewebe verdrängt. Das häufigste Symptom für Hodenkrebs ist ein spürbarer Knoten im Hoden: eine meist schmerzlose, tastbare Verhärtung oder Vergrösserung. Manchmal geht diese auch mit einem Schweregefühl oder einem Ziehen in den Hoden oder der Leistengegend einher. Weitere Symptome, die Anzeichen für bereits fortgeschrittenen Hodenkrebs sein können: 

  • Unfruchtbarkeit
  • Schwellung der Brustdrüse (Entwicklung einer Brust)
  • Atemnot
  • Rückenschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit und Leistungseinbruch

Blut im Urin ist kein Anzeichen für Hodenkrebs, sollte aber einer Ärztin oder einem Arzt gezeigt werden – sofern die Ursache von rotem Urin nicht der Verzehr von roten Früchten oder Gemüse wie Randen ist. Blut im Sperma beruht meist nicht auf einem ernsthaften Problem. In seltenen Fällen weist es auf Prostata- oder Hodenkarzinome hin. Halten die Blutungen über längere Zeit an, kehren sie wieder und sind mit Schmerzen oder einem Knoten im Hoden verbunden, ist ebenfalls ein Arztbesuch notwendig. 

Hodenkrebs erkennen 

Die meisten Betroffenen entdecken den Knoten selbst. Auch Simon ertastete die Verhärtung durch Zufall. «Ich habe es zuerst nicht ernst genommen, oder vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben. Meine Freundin hat mich zum Arzttermin gedrängt – zum Glück.» Veränderungen an den Hoden sollten immer von einer Urologin oder einem Urologen abgeklärt werden.

Diese führen zuerst eine ausführliche Anamnese durch, also ein Gespräch, bei dem sie die Krankengeschichte aufnehmen. Danach tasten sie manuell die Hoden ab und prüfen, ob die Lymphknoten vergrössert und die Brustdrüsen geschwollen sind. In der Regel folgt eine Ultraschalluntersuchung (Hodensonografie), die Aufschluss über das Gewebe der Hoden gibt.

Für die definitive Diagnose Hodenkrebs sind weitere Untersuchungen nötig. Je nach Befund der Erstabklärung wird das Blut auf Tumormarker untersucht, eine Gewebeprobe genommen oder/und eine Computertomografie (CT) gemacht. 

Hodenkrebs-Vorsorge

Die beste Vorsorge ist die Selbstkontrolle: Männer zwischen 15 und 45 Jahren sollten ihre Hoden routinemässig einmal im Monat auf Veränderungen und Knoten abtasten. So lässt sich Hodenkrebs in der Regel früh erkennen. Ob man dabei beide Hoden gleichzeitig oder einen nach dem anderen untersucht, ist jedem Mann selbst überlassen.

Laut der Schweizerischen Krebsliga gibt es keine bestimmte Methode für die systematische Früherkennung von Hodenkrebs. Hauptsache ist, man lernt seinen Körper kennen und spürt die Veränderungen. Am einfachsten geht das stehend unter der warmen Dusche, da sich durch die Wärme die Haut um die Hoden entspannt und sich so Veränderungen einfacher erspüren lassen. Wichtig: Nicht jede Veränderung ist ein bösartiger Tumor. Man muss nicht gleich das Schlimmste befürchten, aber der Gang zur Ärztin oder zum Arzt ist auf jeden Fall notwendig. 

Verschiedene Arten von Hodenkrebs

Im Hoden können sich verschiedene Krebsarten entwickeln. In den allermeisten Fällen entstehen die Tumore aus Keimzellen. Das sind die Zellen, die Spermien produzieren. Hodentumor nennt man daher auch Keimzellentumor. Dieser wird in drei grosse Gruppen eingeteilt: Seminome als die häufigste Form von Hodenkrebs sowie Nichtseminome und Teratome als Mischformen.

Die Unterscheidung ist wichtig, da nicht jede Krebsart auf die gleiche Behandlung anspricht. Teratome sprechen beispielsweise nicht auf eine Bestrahlung an und müssen chirurgisch entfernt werden. Es gibt auch Formen von Hodenkrebs, die nicht von den Keimzellen, sondern von Bindegewebszellen ausgehen. Diese Stromatumore sind meist gutartig und werden operativ entfernt, ohne dass der Hoden abgetrennt werden muss. 

Behandlung von Hodenkrebs

Welche Therapie bei Hodenkrebs geeignet ist, hängt von der Art des Krebses ab. Wobei der erste Behandlungsschritt bei allen bösartigen Tumorarten in der Regel die chirurgische Entfernung des betroffenen Hodens ist (sog. Orchiektomie). Befindet sich der Tumor noch im Stadium I, wenn er also noch keine Metastasen gestreut hat und die Lymphknoten nicht befallen sind, bedarf es meist keiner weiteren Behandlung. Der Patient wird aber aktiv überwacht und muss regelmässig zur ärztlichen Kontrolle.

Ist der Hodenkrebs weiter fortgeschritten (Stadien II und III) und haben sich bereits Metastasen gebildet, erhält der Patient eine Chemotherapie. Dabei werden zellschädigende oder wachstumshemmende Medikamente über die Blutgefässe im ganzen Körper verteilt, um die Krebszellen abzutöten. Die Nebenwirkungen sind individuell und hängen von den eingesetzten Medikamenten, der Dosierung und der Empfindlichkeit des Betroffenen ab. Sie können durchaus sehr stark sein. Eine Strahlentherapie kann nur bei bestimmten Krebsarten durchgeführt werden. Die lokale Bestrahlung schädigt die Krebszellen so stark, dass sie absterben. Auch bei der Strahlentherapie können Nebenwirkungen auftreten. 

Fruchtbarkeit und Kinderwunsch bei und nach Hodenkrebs

«Neben der Sorge um meine eigene Gesundheit stellte sich mir vor allem eine nagende Frage: Werde ich noch Kinder zeugen können? Meine Freundin und ich standen kurz vor der Familienplanung.» Simon spricht aus, was viele Betroffene belastet. Tatsächlich kann Hodenkrebs beziehungsweise seine Behandlung die Fruchtbarkeit beeinflussen. Bei einem Kinderwunsch ist es daher ratsam, zur Sicherheit vor dem Behandlungsbeginn die Spermien einzufrieren. Wird aber lediglich ein Hoden entfernt, ist die Zeugungsfähigkeit in der Regel nicht beeinträchtigt und dem Kinderwunsch steht nichts im Weg.

Ebenso wenig leiden die Libido und die Potenz, denn der zweite Hoden produziert genügend Testosteron und Spermien. Falls der Testosteronwert dennoch sinken sollte, kann das Hormon medikamentös zugeführt werden. Anders sieht es bei einer Chemotherapie oder Bestrahlung aus. In beiden Fällen kann die Zeugungsfähigkeit leiden. Ausserdem sollte während einer Chemotherapie und rund zwei Jahre danach verhütet werden, um möglichen Missbildungen des Kindes vorzubeugen.

In welchem Alter ist Hodenkrebs am häufigsten?

«Ich habe mir nicht viel dabei gedacht», erzählt Simon, «denn ich bin ja noch jung, mache viel Sport, ernähre mich gesund. Mein Grossvater hatte Prostatakrebs – Krebs war für mich etwas, das vor allem alte Männer haben.» Dies trifft zwar auf Prostatakrebs  zu, doch bei Hodenkrebs verhält es sich genau umgekehrt: Meist erkranken junge Männer.

Am häufigsten tritt Hodenkrebs im Alter von 20 bis 40 Jahren auf. Statistisch gesehen sind Männer zwischen 35 und 39 Jahren am stärksten davon betroffen (siehe Schweizerischer Krebsbericht 2021 ). Es kann aber vorkommen, dass auch Männer im Alter von 60 Jahren an Hodenkrebs erkranken oder ganz junge Männer mit 15 Jahren – beides ist aber sehr selten. Dennoch sollten junge Männer bereits in der Pubertät die Hoden regelmässig selbst abtasten. 

Überlebenschancen und Verlauf

Hodenkrebs ist keine häufige Krebsart – sie macht nur 2 Prozent aller Krebserkrankungen bei Männern aus. Pro Jahr erkranken in der Schweiz durchschnittlich 470 Männer daran, und rund 15 von ihnen sterben in der Folge. Mit mehr als 95 Prozent ist die Überlebensrate bei Hodenkrebs aber sehr hoch. Sogar wenn der Tumor spät entdeckt wird und bereits gestreut hat, stehen die Heilungschancen gut. Dennoch: Je früher die Behandlung startet, desto besser.

In einem frühen Stadium ist die Therapie weniger intensiv und die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die Krankheit wieder auftreten wird. Ohne Behandlung hingegen ist die Lebenserwartung bei Hodenkrebs begrenzt, denn es bilden sich Metastasen in den Lymphknoten des hinteren Bauchraums, in der Lunge und seltener in Leber, Gehirn und Knochen. Ohne Behandlung ist Hodenkrebs tödlich. 

Auch wenn die Chancen auf eine Heilung gut standen, war die Diagnose Krebs doch ein Schock für Simon. «Von einem Moment auf den anderen ist man nicht mehr gesund. Und auch wenn ich die Statistiken kannte, hatte ich zuerst einfach mal Angst.» Eine Psychologin und der Austausch mit anderen Betroffenen hätten ihm geholfen, sagt er. «Man muss sicher selbst herausfinden, was einem guttut. Aber etwas zu finden, dass einem guttut, ist in meinen Augen sehr wichtig.»

Unterstützung für Betroffene

Der Austausch mit anderen Betroffenen sowie mit der Urologin oder dem Hausarzt kann Mut machen. Selbsthilfegruppen, Foren, Psychoonkologen oder Psychologinnen können Unterstützung bieten.

Die Krebsliga Schweiz bietet zu Hodenkrebs umfassende Broschüren, Fachwissen und wertvolle Unterstützung für Betroffene und deren Angehörige. Ausserdem vermittelt sie Kontakte zu Selbsthilfegruppen  und bietet ein Krebsforum an.

Auf Selbsthilfe Schweiz findet man Selbsthilfegruppen zu zahlreichen Themen, sowohl im eigenen Umfeld als auch online.

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