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Luft bewegen

Roland Jäggi, 53, Maschinenbau- und Kunststoffingenieur, trainiert seit 21 Jahren Tai-Chi. Im Kurzinterview erklärt er, weshalb Tai-Chi für ihn die ideale Trainingsform ist.

Interview: Clau Isenring

Was ist Tai-Chi kurz gesagt?

Für mich ist Tai-Chi Mediation mit Bewegung. Wir machen ganze Formen und Bewegungsabläufe, die zwischen fünf und zehn Minuten dauern. Tai-Chi ist ein ganzheitliches Training. Man ist konzentriert und fokussiert. Der ganze Körper ist involviert. Das beginnt schon beim Stand und bei der Balance: Wenn ich beispielsweise bei einer Drehung auf einem Bein nicht zentriert stehe, falle ich einfach hin.

 

Ist Tai-Chi anspruchsvoll?

Man kann zwar «sanft» einsteigen, aber wenn man wie ich den Anspruch hat, die Bewegungen präzise und korrekt auszuführen, ist hohe Konzentration gefordert. Für mich ist das auch die Faszination am Tai-Chi: Ich bin voll in der Bewegung und kann an nichts anderes denken. So kann ich hervorragend abschalten.

 

Wo trainieren Sie Tai-Chi?

Zum Training gehe ich in die Wushu-Akademie Schweiz, wo wir in der Gruppe trainieren. Wer schon geübt ist und die Bewegungsabläufe auswendig kennt, kann Tai-Chi aber gut auch alleine irgendwo am See, im Garten oder sogar im Wohnzimmer machen. Für die Schwert-, Stock- und Speerformen braucht man allerdings viel Platz.

 

Wie oft trainieren Sie?

Ich habe mit einer Lektion pro Woche angefangen. Heute trainiere ich an zwei Abenden pro Woche – einmal zwei, einmal drei Lektionen. Diese Fixpunkte baue ich ganz bewusst in den Alltag ein und nehme sie immer wahr.

 

Weshalb sollte jemand mit Tai-Chi anfangen?

Wer keine Lust hat auf Leistung und Wettkampf, findet im Tai-Chi vielleicht die ideale Aktivität. Tai-Chi bietet eine sehr gute Kombination von Abschalten und Entspannen, aber auch Fokussieren und Bewegen. Ich jedenfalls bin nach jedem Training verschwitzt. Toll an Tai-Chi ist auch, dass man es bis ins hohe Alter ausüben kann. Ich kenne 75-Jährige, die noch trainieren.

 

Kraft, Beweglichkeit, Entspannung, Balance – finden Sie das alles im Tai-Chi?

Wenn man in tiefen Kauerstellungen verharrt, ist das für die Beine schon anstrengend. Aber Tai-Chi ist als Krafttraining für Muskelaufbau nicht geeignet. Wir kämpfen nicht gegen einen Gegner, sondern bewegen hauptsächlich Luft. Die Balance und Beweglichkeit sind wichtiger, deshalb dehnen wir am Anfang des Trainings auch immer.

 

Ist Tai-Chi ein «Zeitlupensport»?

Der grösste Teil der Bewegungen ist tatsächlich sehr langsam. Beim ursprünglichsten Tai-Chi, dem Chen Tai-Chi, machen wir aber auch Stampfschritte, Sprünge und Schläge – die Sprünge kann man natürlich nicht langsam ausführen. Für mich ist das ein spezieller Reiz, wenn die Bewegung aus dieser Langsamkeit heraus förmlich explodiert.

 

Tai-Chi stammt ursprünglich von Kampfsport ab – könnten Sie sich verteidigen im Notfall?

Theoretisch schon. In unserer Schule ist die Selbstverteidigung aber keine Komponente. Wir machen manchmal Partnerübungen, wo wir versuchen, unser Gegenüber mit einer Armbewegung umzustossen. Das zeigt aus, dass nur über den Arm nicht viel passiert. Erst wenn ich mich aus der Hüfte bewege, kann ich wirklich Kraft entwickeln. Im sogenannten Push-Hands-Tai-Chi gibt es Angriff und Verteidigung. Aber auch hier läuft alles friedlich und harmonisch ab, eher wie ein Tanz.

 

Gibt es denn eher esoterische und eher sportliche Tai-Chi-Schulen?

Ja, es gibt verschiedene Stile und die ganze Bandbreite von esoterisch bis sportlich. Wer sich für Tai-Chi interessiert, sollte in verschiedene Schulen reinschnuppern, um das passende Tai-Chi zu finden. In der Wushu Akademie Schweiz stehen die Bewegung und die korrekte Ausführung im Zentrum. Wir praktizieren ein «geerdetes» Tai-Chi.


Mehr Infos über Tai-Chi

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