Stressoren erkennen und bewältigen

Was die einen zur Verzweiflung bringt, empfinden andere als halb so schlimm. Warum? Wer seine persönlichen Stressoren kennt, kann Stress reduzieren.

Text: Julie Freudiger & Katharina Rilling

Bilder: iStock

6 Min

10.09.2026

Das Wichtigste in Kürze

  • Was Stress auslöst und wie stark er wirkt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
  • Häufige Stressoren sind Zeitdruck, Konflikte, Schlafmangel, hohe Ansprüche an sich selbst und ständige Erreichbarkeit.
  • Es gibt keine Stressbewältigung nach Schema X: Entscheidend ist, die eigenen Auslöser und Bedürfnisse zu erkennen. Dafür braucht es Zeit.

Wann empfinden wir Stress?

«Stress ist eine extrem subjektive Sache», sagt Dr. Christian Dungl, Stv. Chefarzt der Rehaklinik Hasliberg AG. Vereinfacht gesagt entsteht Stress, wenn die Anforderungen höher erscheinen als die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen.

Warum fühlen sich immer mehr Menschen gestresst?

Stress ist weit verbreitet: Fast jede dritte Person fühlt sich häufig oder sehr häufig gestresst, Frauen öfter als Männer, wie die Sanitas Stiftung im Präventionsradar 2026 festhält. Besonders oft entsteht Stress bei der Arbeit. Die gute Nachricht: Mit zunehmendem Alter werden viele Stressoren weniger – gesundheitlicher Stress bildet eine Ausnahme. 

Dungl sieht einen Grund für die zunehmende Stressbelastung im höheren Tempo und den veränderten Anforderungen des Alltags.

Stress an sich sei jedoch nicht schlecht: «Kurzfristige Belastungen kann unser Körper in der Regel gut bewältigen. Schwieriger wird es, wenn Anspannung zum Dauerzustand wird und ausreichende Erholung fehlt.» 

Komme dann noch ein zusätzlicher Stressor wie ein Infekt oder Rückschlag obendrauf, können Beschwerden deutlicher werden.

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Welche vier Arten von Stressoren gibt es?

  • Körperliche Stressfaktoren

    Wer zu wenig schläft, Schmerzen hat oder über längere Zeit hungrig ist, setzt den Körper unter Druck. Auch körperliche Erkrankungen können laut Christian Dungl Stressfaktoren sein.

  • Psychische Stressfaktoren

    Hohe Ansprüche an sich selbst, Perfektionismus oder die Angst, etwas zu verpassen, die sogenannte Fear of Missing Out (FOMO), können dauerhaft unter Druck setzen.

    Der stellvertretende Chefarzt sieht gerade die eigenen Erwartungen als wichtigen Faktor – etwa die Frage, ob man «gut genug» ist und ob man etwas leisten müsse, um von anderen angenommen zu werden.

  • Soziale Stressoren

    Streit, Spannungen im Team oder eine Trennung können emotional stark belasten. Auch fehlende Anerkennung oder das Gefühl, mit Problemen allein zu sein, setzen unter Druck und können Stress über längere Zeit verstärken.

  • Umweltbedingte Stressoren

    Verkehrslärm, volle Züge, Grossraumbüros, Baustellen oder ständige Bildschirmreize bis spät in die Nacht begleiten viele Menschen täglich. Auch Hitzeperioden, schlechte Luft oder fehlende Rückzugsorte können den Körper belasten und Erholung erschweren.

Wie erkenne ich meine persönlichen Stressoren?

Christian Dungl betont: «Nicht jede stressige Lebensphase muss grundsätzlich analysiert werden. Oft helfen bereits einfache Veränderungen wie mehr Erholung, Bewegung, ausreichend Schlaf oder das vorübergehende Reduzieren von Belastungen.»

Aber: Selbstreflexion sollte nicht zum Selbstzweck werden. Wer jede Stressreaktion beobachtet und ständig nach deren Ursache sucht, kann dadurch zusätzlichen Druck erzeugen, statt Entlastung zu schaffen.

Wie kann ein Stresstagebuch helfen?

Bleibt die Anspannung jedoch über längere Zeit bestehen oder beeinträchtigt sie Gesundheit und Alltag deutlich, kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen: Wann tritt die Belastung besonders auf? Was kostet Kraft, was hilft bei der Erholung – und welche Anforderungen lassen sich möglicherweise verändern? 

Ein Stresstagebuch kann dabei helfen, wiederkehrende Zusammenhänge zu erkennen. Notieren Sie über einige Tage, was passiert ist, wie Sie sich dabei gefühlt haben, welche Gedanken aufkamen und wie stark der Stress auf einer Skala von 1 bis 10 war. So werden wiederkehrende Auslöser und Muster sichtbar.

Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?

Laut Christian Dungl lohnt sich in solchen Situationen auch ein Blick auf das grössere Ganze: «Manchmal hilft die einfache Frage: Wie sieht mein Leben eigentlich aus?»

Mit etwas Abstand könne sichtbar werden, ob bestimmte Belastungen, fehlende Erholungsmöglichkeiten oder eigene Erwartungen dazu beitragen, dass Stress zum Dauerzustand wird. 

Wenn die Belastung erheblich ist oder man allein nicht weiterkommt, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.

Wie wirken sich Stressoren auf den Körper aus?

Stress versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Typische körperliche Reaktionen können sein:

  • schneller Herzschlag oder Herzklopfen
  • flache Atmung oder Atemnot
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühle
  • Muskelverspannungen
  • Kopfschmerzen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Schwitzen oder Zittern
  • Schwindel
  • Schlafprobleme

Wie eine Untersuchung im Sanitas Health Forecast 2025 zeigt, berichten besonders Frauen und jüngere Menschen von Schlafproblemen, Reizbarkeit und Erschöpfung.

6 Tipps zum Umgang mit Stressoren

Für Dungl ist entscheidend, Stressbewältigung nicht zum nächsten Selbstoptimierungsprojekt zu machen: «Ich sehe immer wieder Menschen, die krampfhaft versuchen, zu entspannen – und sich dadurch zusätzlichen Druck machen, wenn es nicht funktioniert.» 

Es gehe nicht darum, möglichst viele Methoden wie Meditation, Atemübungen oder Sport abzuarbeiten. Entscheidend sei, herauszufinden, was im eigenen Alltag tatsächlich guttut und Entlastung schafft.

Dungl nennt Atemübungen als ein Beispiel dafür, wie sich wieder ein Gefühl von Kontrolle herstellen lassen kann: Wer merkt, dass sich über die Atmung auch der Herzschlag beeinflussen lässt, erlebt den eigenen Körper weniger als unkontrollierbar. «Die Entspannung fällt leichter, wenn wir Kontrolle, Sicherheit und Vertrauen spüren.»

  • Grenzen setzen

    Nicht jede Aufgabe muss sofort erledigt werden. Wer Prioritäten setzt, Aufgaben abgibt und auch einmal «Nein» sagt, schafft sich bewusst Freiräume.

  • Gelassenheit trainieren

    Zu mehr Gelassenheit im Alltag mit Achtsamkeitstraining: Nicht jeder Stressor lässt sich vermeiden. Umso wichtiger ist die eigene Haltung, wenn es einmal zu viel wird: Abstand gewinnen, Erwartungen prüfen und akzeptieren, dass nicht alles kontrollierbar ist.

  • Bewegung einbauen

    Sport und regelmässige Bewegung helfen, Anspannung abzubauen. Schon ein Spaziergang in der Natur kann dabei helfen, den Kopf freizubekommen.

  • Bewusst entspannen

    Entspannungstechniken wie Meditation, progressive Muskelentspannung oder Yoga können dabei unterstützen, Körper und Gedanken zur Ruhe zu bringen.

  • Ruhiger atmen

    Unter Stress wird die Atmung oft schneller und flacher. Langsames, bewusstes Ein- und Ausatmen kann andersherum die körperliche Anspannung reduzieren. 

  • Erreichbarkeit begrenzen

    Nachrichten, E-Mails und Social Media sorgen schnell für Dauerbeschallung. Bewusste Offline-Zeiten und ausgeschaltete Benachrichtigungen schaffen echte Pausen. Besonders am Abend im Bett.

Fazit

Stress gehört zum Leben dazu – kurzfristig kann unser Körper gut damit umgehen. Belastend wird es, wenn Anspannung zum Dauerzustand wird und echte Erholung fehlt. «Stress ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine natürliche Reaktion des Körpers auf Belastung», betont Christian Dungl. 

In herausfordernden Lebensphasen können oft schon einfache Massnahmen helfen. Hält die Belastung jedoch länger an, lohnt es sich, die eigenen Stressoren und Warnsignale genauer kennenzulernen. 

Dabei gibt es kein Patentrezept: Entscheidend ist, was im eigenen Leben wieder Sicherheit, Kontrolle und Balance schafft. Die wichtigste Zutat, um das herauszufinden: Zeit. 

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