Gesunder Egoismus stärkt die Psyche

Sei nicht so egoistisch! Wer hört diesen Vorwurf schon gerne? Doch manchmal kann es durchaus wichtig sein, beherzt nein zu sagen und für sich zu schauen. Warum mehr Mut zur eigenen Meinung gesund sein kann.

Text: Julie Freudiger; Foto: iStock

Stellen Sie sich vor: Ihre Arbeitskollegin gibt ihre Ferien immer ohne Absprache und ganz nach dem Motto «Wer zuerst kommt, mahlt zuerst» ein. Oder Sie helfen Ihrem Freund beim Umzug,
passen auf seinen Hund auf und stehen ihm bei Liebeskummer bei. Er aber hat
keine Zeit, wenn Sie Hilfe beim Streichen des Wohnzimmers brauchen. Das Verdikt
ist klar: Purer Egoismus! Was daran soll bitte positiv oder gar gesund sein?

Sich nicht verbiegen

Laut Studien hat egoistisches Verhalten in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Wobei Egoismus kein klinischer Fachbegriff ist, sondern ein Missverhältnis zwischen Geben und Nehmen bezeichnet. Der Duden beschreibt Egoismus als Selbstsucht, Ichsucht und Eigenliebe: Ein Egoist oder eine Egoistin strebt nach Vorteilen für sich selbst, ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer. Solidarität und Einfühlungsvermögen kennen Egoisten nicht.

«Richtiger» Egoismus ist nicht erstrebenswert. Doch das Gegenteil ebenso wenig. Wenn eine Person immer nur selbstlos handelt, immer nur ja sagt, obwohl sie nein meint und wenn sie ihre Bedürfnisse immer hintenanstellt, um niemanden zu enttäuschen, dann ist das nicht gesund. Die Psychologin Ursula Nuber plädiert in ihrem Buch «Eigensinn» dafür, sich nicht nach vermeintlichen Wünschen anderer auszurichten. Das eigene Leben müsse für einen selbst sinnvoll und richtig sein. Wer eigensinnig sei, setzte sich für seine Rechte und Interessen ein. Allerdings ohne die Gefühle anderer Menschen zu verletzen.

Ein Schlüssel zu psychischer Gesundheit?

Nuber ist überzeugt, dass Eigensinn oder in anderen Worten ein «gesunder Egoismus» ein wichtiger Schlüssel für die psychische Gesundheit ist: «Eigensinnige (...) stellen sich selten sorgenvolle Fragen wie: Was denken die anderen über mich? (...) Sie sind mit sich selbst im Reinen, ihr seelisches Immunsystem bleibt intakt.» Bei Menschen hingegen, die sich schlecht abgrenzen können und die sehr engagiert sind, besteht eher die Gefahr eines Burnouts. Dazu gehört auch: Wer sich ständig mit anderen vergleicht, sich zu viel bieten lässt und keine Grenzen setzt und wenn Pflichtgefühle der Hauptantrieb sind. Dies bestätigen diverse Studien.

Das Motto «schneller, höher, weiter» wird zudem oft immer noch zelebriert. Laut dem Job-Stress-Index 2020 fühlen sich nur ein Viertel der Befragten in einem Bereich, in dem die Belastungen noch gut ausgeglichen werden können – der Rest schafft es gerade noch knapp oder ist bereits über dem Limit. «Gut zu sich selbst zu sein, hat in dieser Weltsicht schon eher etwas mit Wellness denn mit Fürsorge zu tun», schreibt die Psychotherapeutin Felizitas Ambauen in einem Artikel im Tagesanzeiger.

Selbstfürsorge ist nicht egoistisch

Felizitas Ambauen warnt aber davor, nicht auf sich selbst zu achten: «Zu wenig Selbstfürsorge macht krank. Früher oder später. Und nicht nur einen selbst, sondern auch die Beziehungen, in denen wir leben. Wir können langfristig nur für andere da sein, wenn wir uns zuerst selbst versorgen. Das ist wie mit der Sauerstoffmaske im Flugzeug.» Die Rechnung ist einfach: Nur wer selbst genügend Energie hat, kann sich um andere kümmern – die eigenen Kinder, die Familie, die Freunde, die Arbeitskollegen.

Dazu muss man aber lernen, nein zu sagen. Oder eben: Ein bisschen egoistischer zu sein. Nein zum Kaffeetrinken mit der Nachbarin, auf das man jetzt eigentlich keine Lust hat. Nein zum Fensterputzen, auch wenn dann die Wohnung nicht «perfekt» aussieht. Nein zum Feierabenddrink, auch wenn die Kollegen nicht locker lassen.