Dossier: Starke Psyche

Panikattacke: Was tun?

Herzrasen, Atemnot, Todesangst – wer die Wucht einer Panikattacke einmal am eigenen Leib erfahren hat, fürchtet sie. Dr. med. Joe Hättenschwiler, Chefarzt im Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich ZADZ, im Interview über die Ursachen und Symptome von Panikattacken und darüber, wie man diese am besten wieder loswird.

Text: Katharina Rilling; Foto: iStock

Herr Hättenschwiler, wann wird Angst zum Problem?

Angst per se ist nichts Schlechtes, sondern eine natürliche Emotion. Sie ist eine gesunde Reaktion auf eine Gefahr. Angst bekommt erst Krankheitswert, wenn sie ohne reale Gefahr auftritt, also aus der Situation heraus nicht nachvollziehbar ist. Und auch wenn sie zu häufig auftritt und zu lange andauert. Sie wird zum Problem, wenn man ihretwegen spezifische Situationen vermeidet und sie letztlich den Alltag behindert. 

Wie unterscheidet man Panikattacken von anderen Angstzuständen? Und wie fühlen sich Panikreaktionen an?

Die Panikattacke zeichnet sich durch ihre Plötzlichkeit aus. Die Symptome treten ohne Vorwarnung auf – unter anderem Herzrasen, Atemnot, Engegefühl in Brust und Kehle, Schwindel, Zittern, Mundtrockenheit, Übelkeit und Erbrechen. Betroffene leiden oft an Schweissausbrüchen und haben enorme Angst, etwa einen Herzinfarkt zu erleiden oder gar zu sterben.

Manche Menschen haben auch grosse Angst, vor lauter Panik verrückt zu werden und die Kontrolle über ihr Handeln zu verlieren. Die Heftigkeit der Attacke ist derart prägend, dass selbst informierte Betroffene es für wahrscheinlich halten, dass gerade ein bedrohliches körperliches Problem vorliegt. Die Dauer von Panikattacken ist individuell sehr unterschiedlich, liegt aber meist zwischen 10 und 30 Minuten. 

Panikattacken fühlen sich sehr bedrohlich an. Sind sie tatsächlich gefährlich?

Auch wenn Panikattacken von den Betroffenen als sehr unangenehm und beängstigend wahrgenommen werden, sind sie meist nicht gefährlich und weisen zum Beispiel auch nicht auf einen Herzinfarkt oder Hirnschlag hin.

Sie sagen, dass Panikattacken überraschend auftreten. Kann man trotzdem sagen, was der Auslöser von Panikattacken ist?

Oft treten Panikattacken aus dem Nichts auf, in der Mehrzahl der Fälle sind jedoch Situationen mit grossen Menschenansammlungen, volle Kaufhäuser, öffentliche Verkehrsmittel oder enge Räume wie Fahrstühle typische Auslöser. Panikattacken können aber überall auftreten – auch zu Hause und sogar im Schlaf.

Eine Panikattacke ist für viele Betroffene derart quälend, dass sie Situationen, die sie mit früheren Panikattacken assoziieren, möglichst meiden. Dies kann später zu einer Agoraphobie führen ‒ also der panischen Angst vor Situationen, aus denen sie im Notfall nur schwer entkommen oder in denen es schwierig ist, Hilfe zu erhalten.

Wie fühlen sich Betroffene nach einer Panikattacke? 

Nach einer Panikattacke fühlen sich die Betroffenen oft müde, erschöpft und leer. Viele schämen sich, da sie denken, sie hätten Schwäche gezeigt und ihr Umfeld hätte die mit der Panikattacke einhergehenden körperlichen Veränderungen bemerkt. Meist werden die Erlebnisse jedoch von den Patienten subjektiv viel stärker wahrgenommen als von der Umgebung.

Viele Betroffene haben Erfahrung und können sagen, was ihnen guttut

Wie verhält man sich denn am besten, wenn man mit einer Person unterwegs ist, die gerade eine Panikattacke erlebt?

Es ist wichtig, selbst Ruhe zu bewahren, sich der betroffenen Person zuzuwenden und ihre Beschwerden ernst zu nehmen. Sprechen Sie mit der Person und leiten Sie sie zu einer regelmässigen, tiefen Bauchatmung an. Diese ruhige Zuwendung kann die Panik sehr rasch mildern. Fragen Sie konkret, wie Sie helfen können. Viele Betroffene haben Erfahrung und können sagen, was ihnen guttut. Falls die Panik länger anhält, sollte fachliche Hilfe beigezogen werden. 

Kann es eigentlich jeden treffen?

Beim Entstehen von Ängsten spielt die genetische Veranlagung eine grosse Rolle. Angsterkrankungen können familiär, also durch Vererbung oder auch «Modelllernen», also das Kopieren des Verhaltens von Bezugspersonen, mitbedingt sein. Auch Stresssituationen wie Konflikte, Trennung oder finanzielle Schwierigkeiten haben einen starken Einfluss. Dasselbe gilt übrigens für psychosoziale Faktoren wie Gewalt in der Familie, Missbrauchs- oder Verlusterfahrungen. Es gibt zudem Menschen mit einem sehr sensiblen Nervensystem, unter anderem auch mit einem überempfindlichen Angstzentrum im Gehirn, das sie auf Reize viel intensiver reagieren lässt als andere. 

Auch Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus oder «nicht Nein sagen können» führen zu Stress, was in der Folge auch Angstzustände begünstigen kann. Darüber hinaus können körperliche Erkrankungen wie etwa eine Schilddrüsenfehlfunktion oder Hormonumstellungen in den Wechseljahren eine Rolle spielen.

Genügend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung wirken vorbeugend

Die Gene lassen sich nicht umprogrammieren. Was kann man tun, um solchen Attacken vorzubeugen? 

Stress, emotionale Belastungen und negative Denkmuster spielen bei der Entwicklung von Panikattacken und damit auch einer Panikstörung eine wichtige Rolle. Betroffenen rate ich daher, den eigenen Lebensstil zu überdenken. Andauernder Stress führt zu Spannungszuständen, welche die Entwicklung von Panikattacken begünstigen. Sport hingegen baut Stresshormone ab. 

Zudem kann es helfen, Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, Yoga oder autogenes Training zu erlernen. Genügend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung wirken vorbeugend. Ausserdem sollte man den Genuss von Koffein, Tabak und Alkohol reduzieren und auf Drogen verzichten.

Muss man sich nach einer Panikattacke auf weitere einstellen?

Panikattacken können einmalig oder in grossen Abständen vorkommen. Wenn sie wiederholt auftreten, sprechen wir von einer Panikstörung. Diese ist wie alle Angsterkrankungen behandelbar.

Wie sehen die Behandlungsmöglichkeiten und Heilungschancen aus?

Panikattacken und Panikstörungen sind bei frühzeitiger und richtiger Diagnose mit Psychotherapie gut behandelbar, zum Beispiel mit einer kognitiven Verhaltenstherapie oder einer Pharmakotherapie (Medikamente wie SSRI, SNRI). Bei akuten Panikattacken helfen Benzodiazepine, sogenannte Angstlöser. Diese sollten aber in Absprache mit dem Arzt in der Regel nur über kürzere Zeit eingenommen werden, da sie ein gewisses Abhängigkeitspotenzial haben. Für die Langzeitbehandlung verschreiben wir angstlösende Antidepressiva.