Gedächtnistraining: Geistig fit und unabhängig bleiben
Wie bleibt das Gehirn möglichst lange fit? Gedächtnistraining kann helfen, ist aber nicht der alleinige Schlüssel zum Erfolg.
Das Wichtigste in Kürze
- Gedächtnistraining kann das Gehirn stärken, ersetzt aber nicht einen gesunden Lebensstil mit Bewegung, Schlaf und sozialen Kontakten.
- Neue Herausforderungen wirken besser als Routine: Besonders hilfreich sind Aktivitäten wie Tanzen, Sprachenlernen oder Musizieren.
- Normale Vergesslichkeit ist nicht automatisch Demenz. Entscheidend ist, ob die Probleme den Alltag zunehmend beeinträchtigen.
- Apps und Gehirnjogging haben Grenzen: Sie können Spass machen, verbessern aber oft vor allem genau die trainierte Aufgabe.
- Wissenschaftlich gut belegt sind vor allem Bewegung, Schlaf, soziale Aktivität und geistige Neugier als Schutzfaktoren für die Hirngesundheit.
Was bringt Gedächtnistraining?
Gedächtnistraining soll das Gehirn fit halten – und umfasst weit mehr als das reine Erinnern von Informationen. «Das Gedächtnis ist nur ein Teil der Kognition», erklärt Neuropsychologe Dr. phil. Stefan Bläsi.
Zur geistigen Leistungsfähigkeit gehören auch Aufmerksamkeit, Sprache, Planung, Problemlösen und Denkflexibilität. Entsprechend versteht die Schweizerische Hirnliga Gedächtnistraining als Training verschiedener Hirnfunktionen – nicht als isoliertes Auswendiglernen einzelner Informationen.
Insbesondere im Alter kann geistige Aktivität dazu beitragen, länger flexibel und selbstständig zu bleiben. Studien weisen darauf hin, dass regelmässige neue Herausforderungen das Gehirn widerstandsfähiger gegenüber altersbedingten Veränderungen machen.
Eine Garantie gegen Demenz bietet Gedächtnistraining allerdings nicht. «Man kann dadurch wahrscheinlich keine Hirnerkrankung verhindern», erklärt Neuropsychologe Stefan Bläsi. «Aber man kann das Gehirn stärken, sodass krankheitsbedingte Veränderungen länger kompensiert werden können und die Selbstständigkeit länger erhalten bleibt.»
Warum funktioniert Gedächtnistraining?
Das Gehirn arbeitet nicht wie ein Speicher, der irgendwann voll ist. Vielmehr bleibt es ein Leben lang anpassungsfähig. Fachleute sprechen von sogenannter neuronaler Plastizität. Werden bestimmte Hirnregionen regelmässig gefordert, entstehen neue Verbindungen zwischen Nervenzellen oder bestehende Netzwerke werden effizienter genutzt.
«Das Gehirn wird durch Training nicht grösser und es entstehen auch kaum neue Nervenzellen», erklärt Neuropsychologe Bläsi. «Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen können sich jedoch ein Leben lang anpassen und so Plastizität ermöglichen.» Genau diese Fähigkeit unterstützt das Gehirn dabei, alters- und krankheitsbedingte Veränderungen besser auszugleichen.
Forschende vergleichen das Gehirn deshalb oft mit einem Muskel: Wer es regelmässig herausfordert, stärkt bestimmte Fähigkeiten. Besonders wirkungsvoll ist das Erlernen von Neuem.
Studien zeigen zudem, dass geistige Aktivität am besten nicht isoliert, sondern im Rahmen eines gesunden Lebensstils wirkt. In einer grossen finnischen Langzeitstudie kombinierten Forschende Bewegung, gesunde Ernährung, Gedächtnistraining sowie die Kontrolle von Blutdruck und anderen Risikofaktoren. Nach zwei Jahren erzielten die Teilnehmenden bei Denk- und Gedächtnistests bessere Ergebnisse als die Vergleichsgruppe.
Besonders wichtig scheint dabei die sogenannte kognitive Reserve zu sein. Menschen, die geistig aktiv bleiben, bauen gewissermassen ein neuronales Polster auf. Dieses ermöglicht es dem Gehirn, altersbedingte Veränderungen länger auszugleichen, bevor im Alltag Probleme sichtbar werden.
Anzeichen verstehen: normale Vergesslichkeit oder Demenz?
Den Schlüssel verlegt, einen Namen vergessen oder kurzzeitig nicht mehr wissen, weshalb man gerade in die Küche gegangen ist: Solche Situationen kennt fast jeder. Mit zunehmendem Alter verarbeitet das Gehirn Informationen oft etwas langsamer. Das bedeutet jedoch nicht, dass gleich eine Demenz vorliegt.
Die Deutsche Alzheimer Forschung Initiative weist darauf hin, dass altersbedingte Vergesslichkeit zum natürlichen Alterungsprozess gehört. Im Alltag bleiben Betroffene jedoch grundsätzlich selbstständig.
Bei einer Demenz entsteht ein anderes Muster: Die Schwierigkeiten gehen über einzelne Gedächtnislücken hinaus und beeinträchtigen zunehmend den Alltag. Betroffene vergessen wichtige Informationen immer wieder, verlieren die Orientierung oder können vertraute Abläufe plötzlich nicht mehr bewältigen.
Auch die Art des Vergessens unterscheidet sich. Gesunde Menschen erinnern sich häufig später wieder an Informationen oder können sich mit Notizen und Erinnerungen gut helfen. Menschen mit Demenz vergessen hingegen Gespräche oder Ereignisse vollständig – selbst kurz nachdem sie stattgefunden haben.
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Warnzeichen für eine mögliche Demenz
- Häufige Wiederholungen: Dieselbe Frage oder Geschichte wird mehrfach kurz hintereinander erzählt.
- Orientierungsprobleme: Vertraute Wege, Orte oder Tageszeiten führen plötzlich zu Verwirrung.
- Probleme im Alltag: Tätigkeiten wie Kochen, Rechnungen bezahlen oder Termine organisieren werden erschwert.
- Verlegte Gegenstände: Gegenstände befinden sich an ungewöhnlichen Orten, zum Beispiel der Schlüssel im Kühlschrank.
- Sprachprobleme: Einfache Wörter fehlen, und Gesprächen kann schwer gefolgt werden.
- Veränderungen im Verhalten: Rückzug, Reizbarkeit, Misstrauen oder Antriebslosigkeit nehmen zu.
- Fehlendes Zeitgefühl: Betroffene wissen nicht mehr, welcher Tag oder welches Jahr gerade ist.
- Unsicherheit bei Entscheidungen: Geldangelegenheiten, Kleidungsauswahl oder alltägliche Situationen können nicht mehr gut eingeschätzt werden.
Wichtig: Einzelne dieser Anzeichen bedeuten nicht automatisch, dass eine Demenz vorliegt. Entscheidend ist vor allem, ob sich die Veränderungen verstärken und den Alltag beeinträchtigen.
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Was ist Brain Fog?
Konzentrationsprobleme lösen bei vielen Menschen sofort Sorgen vor einer Demenz aus. Häufig steckt jedoch eine andere Ursache dahinter, zum Beispiel Brain Fog. Betroffene fühlen sich geistig «wie benebelt», vergessen Dinge schneller oder können sich schlechter konzentrieren.
Brain Fog kann unter anderem durch Stress, Schlafmangel, hormonelle Veränderungen, Infekte oder psychische Belastungen entstehen. Im Gegensatz zu einer Demenz stehen hier meist nicht der fortschreitende Gedächtnisverlust oder Orientierungsprobleme im Vordergrund.
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Wann ist es sinnvoll, Symptome abklären zu lassen?
Wenn Gedächtnisprobleme über einen längeren Zeitraum auffallen oder Angehörige deutliche Veränderungen bemerken, empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung.
Hinter Konzentrations- und Gedächtnisproblemen können auch andere Ursachen stecken, etwa Depressionen, Vitaminmangel, Medikamente oder Schlafstörungen. Eine frühzeitige Diagnose ist wichtig, da Therapien und unterstützende Massnahmen umso wirkungsvoller sind, je früher sie beginnen.
Verursacht Nährstoffmangel Gedächtnisprobleme?
Ein Mangel an Vitamin B12, Folsäure oder Eisen kann Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen fördern. Bei neuen oder zunehmenden Beschwerden empfiehlt sich daher eine ärztliche Abklärung.
Ein Artikel in der «Ärzte Zeitung» empfiehlt zudem, bei Verdacht auf Demenz andere Ursachen wie Medikamente, Stoffwechselstörungen oder insbesondere einen Vitamin-B12-Mangel auszuschliessen. Speziell bei älteren Menschen mit einseitiger Ernährung kann eine solche Kontrolle sinnvoll sein.
Allerdings ist eine Unterversorgung hierzulande selten die Hauptursache für geistige Beeinträchtigungen. «Wenn man sich in unseren Breitengraden einigermassen gesund ernährt, besteht im Normalfall kein Mangel», erklärt Stefan Bläsi.
Gedächtnis pushen mit Nahrungsergänzungsmitteln?
Dennoch erlebt der Markt für sogenannte Gedächtnispillen einen Aufschwung. Präparate mit Ginkgo, Cholin oder anderen Pflanzenextrakten versprechen eine bessere Konzentration oder geistige Fitness bis ins hohe Alter.
Langzeitstudien, etwa zu Ginkgo, konnten jedoch keinen verlässlichen Schutz vor geistigem Abbau nachweisen – weder bei gesunden Menschen noch bei Personen mit leichter bis mittlerer Alzheimer-Erkrankung. Da Nahrungsergänzungsmittel ihre Wirksamkeit oft nicht belegen müssen, stützen sich viele Produkte eher auf Werbeversprechen als auf solide wissenschaftliche Daten.
Für die geistige Fitness sind andere Faktoren deutlich besser erforscht: regelmässige Bewegung, guter Schlaf, soziale Kontakte, ausgewogene Ernährung sowie geistige Aktivität im Alltag.
Video: So bleibt das Gehirn fit
Was ist die beste Methode, um das Gedächtnis zu trainieren?
Es gibt keine einzelne Wunderübung für ein besseres Gedächtnis. Entscheidend ist, eine Form geistiger Aktivität zu finden, die Freude macht und sich gut in den Alltag integrieren lässt.
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Neue Dinge lernen statt Routine wiederholen
Das Gehirn liebt Herausforderungen. Wer immer nur dieselben Rätsel löst, trainiert vor allem diese spezielle Aufgabe. Sinnvoller ist es, eine Fremdsprache zu lernen, ein Instrument zu spielen oder neue Tanzschritte einzuüben. «Neues Lernen ist die beste Stimulation», sagt Experte Stefan Bläsi. Dadurch entstehen neue Verknüpfungen im Gehirn.
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Bewegung bringt auch das Gehirn in Schwung
Körperliche Aktivität fördert nicht nur Muskeln und Herz-Kreislauf-System, sondern auch die geistige Fitness. Bewegung verbessert die Durchblutung des Gehirns, steigert die Aufmerksamkeit und wirkt sich positiv auf Schlaf und Stimmung aus. Besonders vorteilhaft sind Aktivitäten, die Körper und Geist gleichzeitig fordern – zum Beispiel Tanzen.
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Soziale Kontakte halten geistig aktiv
Gespräche, gemeinsame Aktivitäten oder neue Begegnungen stimulieren das Gehirn auf natürliche Weise. Menschen, die sozial eingebunden bleiben, geistig neugierig sind und aktiv am Leben teilnehmen, sind langfristig besser gegen geistigen Abbau geschützt. Studien identifizieren insbesondere Einsamkeit und Depression als Risikofaktoren für spätere Demenzerkrankungen.
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Kleine Gedächtnistricks im Alltag nutzen
Gedächtnistraining muss nicht kompliziert sein. Oft helfen einfache Strategien: Einkaufslisten gedanklich entlang des Weges im Supermarkt ordnen, Namen mit Bildern verknüpfen oder Eselsbrücken bilden. «Je absurder das Bild, desto besser bleibt es hängen», erklärt Neuropsychologe Stefan Bläsi von der Memory Clinic Basel.
Wichtig ist jedoch, bei sicherheitsrelevanten Informationen wie der korrekten Einnahme von Medikamenten im Zweifelsfall nicht allein auf das Gedächtnis zu vertrauen, sondern auf Hilfsmittel, wie die Erinnerungsfunktion des Handys, zurückzugreifen.
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Apps und Gehirnjogging: sinnvoll, aber mit Grenzen
Sudoku, Denkspiele oder Gehirntraining-Apps können Spass machen, und wer übt, wird darin meist besser. Studien zeigen jedoch, dass sich diese Fortschritte nur begrenzt auf Alltagssituationen wie Namen- oder Terminerinnerung übertragen.
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Regelmässigkeit ist entscheidend
Übungen bringen wenig, wenn man sie nur gelegentlich macht. Fachleute empfehlen daher Aktivitäten, die man dauerhaft beibehalten möchte. «Es ist nicht so wichtig, was man tut, als dass man es langfristig macht», so der Neuropsychologe. Erfüllende Hobbys schneiden deshalb oft besser ab als starre Trainingsprogramme.
Gedächtnisverlust vorbeugen: Weitere wirksame Massnahmen
Fachleute empfehlen einen ganzheitlichen Lebensstil, der Körper und Gehirn gleichermassen fordert. Die finnische FINGER-Studie weist darauf hin, dass ein kombiniertes Programm aus Ernährung, Bewegung, kognitiver Betätigung und Kontrolle von Risikofaktoren besonders sinnvoll sein kann.
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Schlaf
Während des Schlafs verarbeitet das Gehirn Informationen und baut Stoffwechselprodukte ab. Wer dauerhaft schlecht schläft, ist tagsüber häufig weniger konzentriert und geistig belastbar. Fachleute sehen guten Schlaf daher als wichtigen Bestandteil der Demenzprävention.
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Stressmanagement
Chronischer Stress belastet das Gehirn und kann Konzentration sowie Gedächtnisleistung beeinträchtigen. Entspannungstechniken, Bewegung, soziale Kontakte oder bewusste Pausen unterstützen dabei, das Stressniveau zu senken und die geistige Gesundheit zu fördern.
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Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
Schon leichter Flüssigkeitsmangel verschlechtert Konzentration und Aufmerksamkeit. Besonders ältere Menschen trinken oft zu wenig, da das Durstgefühl abnimmt. Regelmässiges Trinken trägt deshalb zur Erhaltung der geistigen Leistungsfähigkeit bei.
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Ernährung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Vollkornprodukten, gesunden Fetten und Fisch gilt als förderlich für die Hirngesundheit. Nahrungsergänzungsmittel zeigen laut Expertinnen und Experten meist nur bei einem tatsächlichen Mangel einen Nutzen.
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Hörvermögen ernst nehmen
Das Gehör spielt eine wichtige Rolle für die Hirngesundheit. Unbehandelter Hörverlust erhöht das Risiko sozialer Isolation und gilt als bedeutender beeinflussbarer Risikofaktor für Demenz. Frühzeitige Hörtests und gegebenenfalls Hörgeräte können dazu beitragen, geistig aktiv zu bleiben.
Wie unterstützt die Krankenkasse?
Viele Massnahmen, die das Gehirn langfristig fit halten, gelten als Gesundheitsförderung. Die Grundversicherung übernimmt solche Angebote in der Regel nicht. Beiträge sind überwiegend nur über Zusatzversicherungen möglich.
- Bewegungskurse und Fitness: Die Zusatzversicherung beteiligt sich je nach Modell an Fitnessabonnements oder Gruppenkursen wie Yoga, Pilates oder EMS-Training. Bei Vital Premium übernimmt Sanitas bis zu 400 Franken pro Jahr. Voraussetzung ist meist, dass das Fitnesscenter oder der Kursanbieter zertifiziert ist.
- Gedächtniskurse: Spezifische Gedächtnis- oder Hirntrainingskurse werden je nach Zusatzversicherung in Teilen übernommen, wenn das Angebot der Gesundheitsförderung oder Prävention zugeordnet wird.
- Hörgeräte und Hörtests: Hörgeräte werden meist von der AHV oder IV mitfinanziert. Reichen diese Beiträge nicht aus, kann die Zusatzversicherung einen Teil der Kosten übernehmen.
- Vorsorge und Check-ups: Die Grundversicherung bezahlt bestimmte Vorsorgeuntersuchungen unter klar definierten Voraussetzungen. Zusatzversicherungen beteiligen sich teilweise auch an allgemeinen Check-ups oder anderen Präventionsangeboten.
Fazit
Gedächtnistraining allein verhindert keine Demenz. In Kombination mit Bewegung, gutem Schlaf und sozialen Kontakten kann es jedoch helfen, die Hirngesundheit zu unterstützen und die Selbstständigkeit länger zu erhalten. «Wichtig ist ein Alltag, der geistig fordert und Freude macht – nicht die perfekte Gehirnjogging-App», so Neuropsychologe Stefan Bläsi.