Dossier: Familie

Wissenswertes zur Pubertät

Plötzlich sind sie da: Pickel, Bart und Busen. Die Pubertät lässt grüssen! Doch nicht nur der Körper verändert sich in dieser Zeit. Auch neue Gefühle bringen Familie und Freundschaften ganz schön durcheinander. Alles über diese aufregende Lebensphase.

Text: Katharina Rilling; Foto: iStock

Was ist typisch in der Pubertät?

In der Pubertät wird radikal umgebaut: In keiner anderen Lebensphase verändern sich Körper und Psyche so drastisch wie zu diesem Zeitpunkt. Knatsch mit den Eltern, Weltschmerz, die erste grosse Liebe und ein komplett neues Körpergefühl – da müssen die meisten Menschen beim Erwachsenwerden durch. Die Zeit ist aufregend, intensiv, aber auch extrem anstrengend für alle Beteiligten. Doch warum ist das eigentlich so? Was passiert mit dem Körper, wenn wir heranwachsen? Die wichtigsten Fakten zum Thema.

Warum kommen wir in die Pubertät?

In der Pubertät wandeln sich Mädchen zu Frauen und Jungs zu Männern. Der Begriff stammt übrigens aus dem Lateinischen und bedeutet «Mannbarkeit». Der Mensch reift also über einige Jahre vom Kind zum Erwachsenen heran. Das biologische Ziel? Geschlechtsreif und fortpflanzungsfähig zu werden, um Nachwuchs zu zeugen. 

Startschuss in die Sexualität: Wann geht’s los? Und wann ist die Pubertät vorbei?

Wann genau Kinder in die Pubertät kommen, hängt von verschiedenen Faktoren ab – zum Beispiel von ihrer Veranlagung, der Ernährung und ihrer Gesundheit. Normalerweise setzen die ersten körperlichen Veränderungen bei Mädchen hierzulande mit etwa 9 bis 10 Jahren ein und enden mit 16 bis 18 Jahren. Die Psyche braucht oft ein, zwei oder drei Jahre länger, um sich anzupassen. Jungs sind bekanntlich etwas später dran: Ihr Körper beginnt sich mit etwa 10 bis 14 Jahren zu verändern. Der körperliche Prozess ist dann mit etwa 17 oder 19 Jahren abgeschlossen. Aber Achtung: Die Zahlen variieren je nach Quelle stark und sind nur grobe Richtwerte. Der Entwicklungsprozess ist von Person zu Person verschieden.

Wahrscheinlich hängt das Einsetzen der Pubertät unter anderem auch vom Körpergewicht und Fettgehalt ab. Dabei scheint es eine Schwelle zu geben, ab der gewisse Prozesse im Körper – zum Beispiel die Hormonumstellung – angestossen werden. So lässt sich etwa beobachten, dass Mädchen mit einem höheren BMI tendenziell früher menstruieren als sehr dünne Altersgenossinnen. Auch ihr Brustwachstum setzt früher ein.

Zudem spielt die Herkunft eine Rolle. Die Pubertät beginnt bei Afroamerikanerinnen und Hispanoamerikanerinnen tendenziell früher ein als bei Asiatinnen und weissen Frauen. Studien zeigen zudem, dass sich der Zeitpunkt der ersten Regelblutung in Europa seit dem 19. Jahrhundert immer weiter nach vorne verschoben hat: von den ursprünglich 17 Jahren (Jahr 1850) auf derzeit 12,5 Jahre (seit den 1960ern). Auch der erste Samenerguss tritt bei den jungen Männern heute früher ein. Die Ursache vermuten Expertinnen und Experten in der robusteren Gesundheit der Menschen, der ausgewogenen Ernährung und der besseren Hygiene. Aber auch hormonaktive Substanzen wie Weichmacher und Pestizide, die in kleinen Mengen aus der Umwelt aufgenommen werden, könnten dazu beigetragen haben.

Was haben die Hormone mit der Pubertät zu tun?

Alles startet im Kopf. Genauer: im daumennagelgrossen Hypothalamus. Warum dieses Gehirnareal ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich Signale beziehungsweise Hormone abgibt, um die Produktion von Sexualhormonen im Körper anzuregen, ist noch nicht genau geklärt. Bei den Jungs wird ab diesem Zeitpunkt aber vor allem das Testosteron, bei den Mädchen das Östrogen und Gestagen produziert. Der Anstieg der Sexualhormone bewirkt im Körper wiederum allmählich sichtbare und unsichtbaren Veränderungen.

Zu frühe Pubertät: Pubertät schon im Kindergarten? 

Manche Kinder entwickeln bereits im Kindergartenalter oder in der ersten Klasse Brüste sowie Schweissgeruch und erleben emotionale Stürme. Klingt erst einmal nicht weiter tragisch. Das Problem ist aber: Startet der Wachstumsspurt bei Mädchen vor dem achten und bei Jungs vor dem neunten Lebensjahr, endet er auch zu früh – und die Kinder erreichen vielleicht nie ihre normale Grösse. Ausserdem ist es emotional belastend, wenn der Körper bereits dem einer Frau gleicht, obwohl das Mädchen im Kopf noch halb im Sandkasten steckt. Darum sollten sich Eltern frühzeitig von einem Arzt oder einer Ärztin beraten lassen, ob eine Hormontherapie infrage kommt, mit der die Pubertät für einige Zeit herausgezögert werden kann. In den meisten Fällen findet man die Ursache für den frühen Schub übrigens nicht. 

Und was, wenn die Pubertät nicht einsetzen will?

Andersrum kommt es aber auch immer wieder vor, dass sich die Pubertät Zeit lässt. Sind bei Mädchen nach dem 14., bei Jungs nach dem 16. Geburtstag noch keine Anzeichen einer körperlichen Veränderung zu erkennen, spricht man von einer verspäteten Pubertät. Bei Jungs kommt dies etwas öfter vor als bei Mädchen. Rat suchen sollten Eltern, wenn die Entwicklung quasi stillsteht oder nach dem Start mehr als 18 Monate lang wieder aussetzt. Untypisch ist auch, wenn bei Mädchen die Periode nicht innerhalb von fünf Jahren nach der Brustentwicklung einsetzt. 

Der Verlauf: die drei Phasen der Pubertät bei Jungs und Mädchen

Die sexuelle Entwicklung läuft in einer bestimmten Reihenfolge ab und lässt sich grob in drei Phasen einteilen, die ineinander übergehen und sich auch überlappen. Wie schnell und wann genau das passiert, ist verschieden. 

Vorpubertät

Geht die Grundschulzeit langsam zu Ende, beginnt das Gehirn bereits mehr und mehr Sexualhormone zu produzieren. Der Prozess der Pubertät wird angestossen. Etwa ein bis drei Jahre dauert diese erste Phase. Vor allem körperliche Veränderungen stehen nun an, aber auch die Psyche verändert sich langsam. Manche Teenager bleiben jetzt lieber in ihrem Zimmer, andere suchen Streit und rebellieren schon gegen die Regeln und Grenzen der Eltern.

Die Brust wächst

Aus einer anfänglich kleinen Wölbung unter der Brustwarze entsteht jetzt die weibliche Brust. Das Wachstum kann jucken oder auch schmerzen. Dass eine Brust schneller als die andere wächst, ist übrigens völlig normal. Weniger bekannt ist, dass es wegen der hormonellen Umstellung auch bei Jungs vorübergehend zu grösseren und leicht schmerzenden Brüsten kommen kann.

Scham- und Achselhaare spriessen

In der Pubertät beginnen früh die ersten Schamhaare zu wachsen. Die Haare breiten sich langsam im Intimbereich aus, werden fester und gelockter. Diese Entwicklung ist bei Mädchen mit etwa 14 Jahren abgeschlossen. Auch in den Achselhöhlen machen sich Haare breit, wenn auch etwas später: mit etwa 12 bis 14 Jahren. Bei Jungs entwickeln sich zudem auch Haare im Gesicht. Mit etwa 17 Jahren gleicht die Behaarung der eines erwachsenen Mannes. Manche Männer bekommen übrigens nie Brusthaare, bei anderen wachsen sie erst zwischen 20 und 30 Jahren.

Wachstumsschub

Jugendliche machen plötzlich den berühmten «Schuss», einen Wachstumsschub, durch. Dann schiessen sie in einem Jahr schon mal rund 5 bis 8 Zentimeter in die Höhe. Das kann zu Wachstumsschmerzen führen. Auch die Proportionen verändern sich nun nach und nach und werden männlicher (Muskelmasse und Schulterbreite nehmen zu) oder weiblicher (Körperform wird beispielsweise an Hüften und Po eher rundlicher). Bis 21 sollten die jungen Erwachsenen die finale Körperlänge erreicht haben.

Hoden und Penis wachsen

Im Alter von elf Jahren oder früher beginnen bei den Jungs die Hoden zu wachsen, und der Testosteronspiegel steigt. Der Hodensack wird faltiger und nimmt eine dunklere Farbe an. Bei den Jungs verändert sich auch die Grösse des Penis. Spätestens ab dem 19. Lebensjahr ist er ausgewachsen und bleibt nun so. Für viele unangenehm: Durch das Testosteron kann es immer wieder zu plötzlichen und ungewollten Erektionen kommen.

Hochpubertät


Die intensive und oft belastende Phase der Pubertät findet meist zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr statt. Jetzt reift das Gehirn heran. Jugendliche lernen, ihre Impulse zu kontrollieren, Eindrücke realistisch zu bewerten, ihre Emotionen in Schach zu halten und Konsequenzen ihres Handelns abzuschätzen. Aber auch die körperliche Entwicklung steht nicht still. 

Das weibliche Geschlecht entwickelt sich

Die Eierstöcke und die Gebärmutter wachsen im Innern des weiblichen Körpers unbemerkt heran. Spürbar anders aber ist, dass die inneren Geschlechtslippen und der Eingang der Vagina kräftiger und feucht werden. Auch Vagina und Klitoris wachsen, werden robuster und machen sich bereit für Geschlechtsverkehr. Ausfluss sorgt jetzt dafür, dass sich die Vagina selbst reinigt. Vor der ersten Periode ist er oft weisslich. Die Scheidenflora verändert sich und wird nun von Bakterien besiedelt, die fremde Keime bekämpfen und das Geschlecht gesund halten.

Erste Periode und die Geschlechtsreife

Die erste Monatsblutung bezeichnet man in der Fachsprache als «Menarche». Die Blutungen können in den ersten Jahren unregelmässig sein und pendeln sich irgendwann in einen festen Rhythmus ein. Mehr und mehr Eizellen wachsen in den Eierstöcken, und es kommt einmal im Monat zum Eisprung. Mädchen sind jetzt geschlechtsreif und können schwanger werden. Wer Sex mit einem Jungen haben möchte, muss auf Verhütung achten.

Jungs im Stimmbruch

Sprechen und Singen werden jetzt zur Herausforderung: Dadurch, dass Kehlkopf und Stimmbänder wachsen, wird die Stimme tiefer. Die Kinder- wird also zur Erwachsenenstimme. Die Stimme wird übrigens auch bei Mädchen tiefer, nämlich etwa um eine Terz, bei Jungs um eine Oktave.

Erster Samenerguss und Geschlechtsreife

Die erste Ejakulation, also der erste Samenerguss, enthält meist schon Spermien. Jetzt werden Sekrete gebildet, die den Spermien Beweglichkeit und Überlebensfähigkeit verleihen. Bereits jetzt kann eine Frau geschwängert werden. Der erste Samenerguss wird aber meist ohne Sex ausgelöst: im Schlaf, durch sexuelle Fantasien oder eigene Berührung.  

Körpergeruch und Haut verändern sich

Viele Jugendliche können sich plötzlich nicht mehr riechen und sehen. Sie greifen zu grossen Mengen Deodorant, Parfum und Make-up. Der Grund: Die Schweissdrüsen nehmen ihre Arbeit auf. Kommen Bakterien mit ins Spiel, entsteht ein strenger Geruch unter den Achseln. Auch der Duft der Geschlechtsorgane verändert sich. Körperhygiene wird wichtiger. Und: Nicht nur Haare, sondern auch Mitesser und Pickel spriessen im Gesicht, auf der Brust und dem Rücken. Talgdrüsen produzieren jetzt nämlich mehr Talg, die Haut wird fettiger und die Drüsen können verstopfen und sich entzünden. Die sogenannte Pubertätsakne ist zwar meist bloss ein vorübergehendes Phänomen, sie betrifft aber viele Jugendliche, kann sehr belastend sein und sollte unbedingt ärztlich behandelt werden, um Narbenbildung zu verhindern.   

Achterbahn der Gefühle

Traurige Phasen wechseln sich jetzt mit Glücksgefühlen und Reizbarkeit oder sogar Wutausbrüchen ab – scheinbar ohne jeden ersichtlichen Grund. Die hohe Risikobereitschaft, die Identitätskrisen, die Unberechenbarkeit und die Rebellion gegen Eltern, Lehrpersonen und überhaupt alles Etablierte können das Zusammenleben ganz schön belasten. Zu alledem hinzu kommen die eigene Unsicherheit, erste romantische Gefühle und ein starkes sexuelles Verlangen.

Die Spätpubertät: Willkommen im Erwachsenenleben!


Ab etwa 16 Jahren treten Teenager in die letzte Phase der Pubertät ein. Die Wachstumsphasen werden nun abgeschlossen. Jetzt finden psychische Entwicklungen statt, und das Familienleben wird zum Glück wieder ruhiger und harmonischer. Die jungen Erwachsenen haben sich langsam von den Eltern abgegrenzt, werden selbstbewusster und fühlen sich immer wohler in ihrer neuen Haut. Zum Glück, denn jetzt werden oft wichtige Entscheidungen getroffen, etwa welchen Beruf man erlernen möchte. Manche sprechen dann von «Adoleszenz» oder «Nachpubertät», um die Phase zwischen Pubertät und Erwachsenenalter zu bezeichnen.

Eltern und pubertierende Kinder

Was tun? Viele Optionen gibt’s nicht. Aber ganz viel Verständnis, Gewährung von Freiraum und das Wissen, dass alles auch wieder vorbeigeht, sind jetzt auf Elternseite besonders wichtig. Dennoch: Schulschwänzen, Essstörungen, Diebstahl, Suchtmittelmissbrauch, Depressionen und Kriminalität kommen in dieser Phase besonders häufig vor. Familien, die betroffen sind, sollten sich möglichst schnell professionelle Hilfe bei der Familienberatung, einer Ärztin oder einem Arzt oder der Jugendpsychologie suchen.

Ganz viele Infos rund ums Erwachsenwerden gibt es auch hier: lilli.ch

 

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