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Dossier: Sexualität

«Trans Menschen wissen es besser als du»

Was bedeutet eigentlich trans? Wie können Angehörige von trans Menschen die beste Unterstützung bieten? Und was muss sich bei den Krankenkassen ändern? Ein Gespräch mit Aktivist:in Eneas Pauli.

Text: Miriam Suter

Eneas, was bedeutet trans?

Trans ist laut Definition, wenn sich eine Person mit dem Geschlecht, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurde, nicht oder nicht ganz identifizieren kann. Trans ist aber auch ein Überbegriff, eine Art Regenschirm, und darunter gibt es zwei weitere Kategorien: binär und nicht binär. Binäre trans Menschen sind trans Männer und trans Frauen, nicht binäre trans Menschen sind eigentlich alle anderen. 

Zum Beispiel?

Es gibt die agender Geschlechtsidentität, auch genderless genannt. Diese Menschen identifizieren sich mit keinem Geschlecht oder haben einfach keines. Es gibt auch zum Beispiel genderqueer oder genderfluid. Das ist auch wichtig zu wissen: Gender ist nicht immer fix, das kann variieren.

Was bedeutet genderfluid genau?

Das kann zum Beispiel heissen, dass man sich an einem Tag etwas femininer und am anderen Tag etwas weniger feminin fühlt. Oder dass man eine Zeit lang absolut gar nichts mit Gender anfangen kann und sich eine Woche später total maskulin fühlt. Wenn man dieses Konzept einmal begriffen hat, dann merkt man, dass es eigentlich relativ viele Leute gibt, die genderfluid sind.

Und was ist nicht trans?

Das ist ein wichtiger Unterschied: Trans ist nicht gleich Transition. Das heisst, wenn eine trans Person sich outet, bedeutet das nicht automatisch, dass sie beispielsweise ihren Namen ändern oder eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen will. Trans bedeutet ganz einfach: Ich bin trans, ich kann mich nicht damit identifizieren, was die medizinische Fachperson sagte, als sie mir bei der Geburt zwischen die Beine geschaut hat. 

Am besten kann man unterstützen, indem man akzeptiert, dass das Coming-out der trans Person selber gehört.

Wie unterstützt man als Angehörige eine trans Person am besten beim Coming-out?

Das Coming-out einer trans Person ist extrem persönlich. Es kann gut sein, dass diese Person gar keine Unterstützung braucht. Am besten kann man aber unterstützen, indem man akzeptiert, dass das Coming-out der trans Person selber gehört und nichts mit den Angehörigen zu tun hat. Dann: Am besten einfach fragen, ob man Unterstützung geben kann. Wenn die trans Person Nein sagt, dann sollte man es bleiben lassen. Man sollte sich zudem selber bei guten Quellen über das Thema trans informieren – und von nichts ausgehen. 

Wie meinst du das?

Wenn die Person sagt, sie ist eine trans Frau, dann geh nicht automatisch davon aus, dass sie sich die Haare wachsen oder sich schminken lassen will. Frag einfach, was die Person braucht und möchte, und hör ihr gut zu. Trans Menschen wissen es besser als du. Wichtig ist auch, dass man akzeptiert, wenn sich die Person noch nicht öffentlich outen will. Dann nutzt man als Angehörige weiter die alten Pronomen und den alten Namen – auch dann, wenn die trans Person schon neue Pronomen und einen neuen Namen für sich ausgesucht hat. 

Alle trans Personen erleben Diskriminierungen.

Warum ist das wichtig?

Wenn du anfängst, den neuen Namen einer trans Person in der Öffentlichkeit zu nutzen, outest du sie, ohne dass sie das selber entscheiden kann. Und das ist das Schlimmste, was du einer trans Person antun kannst. Es kann sie retraumatisieren, depressiv machen oder sie in den Suizid treiben. Es kann also wirklich ihr Leben in Gefahr bringen.

Inwiefern?

Alle trans Personen erleben Diskriminierungen. Die einen mehr, die anderen weniger. Je weniger man von aussen als trans Person gelesen wird, desto sicherer ist man. Aber vor allem transfeminine Personen müssen in ihrem Leben teilweise weiterhin in ihrem alten Geschlecht bleiben, damit sie ihren Job behalten und ihre Miete bezahlen können. Oder damit sie keine Gewalt erleben auf dem Heimweg. Es ist also wirklich lebensgefährlich, eine trans Person öffentlich zu outen, und ohne ihre Zustimmung ausserdem sehr übergriffig.

Wie findet man als trans Person eine:n gute:n Expert:in, etwa eine:n Psychiater:in?

Das ist ein Problem, denn: Man findet fast nichts. Die meisten Fachpersonen haben keine Ahnung von unseren Anliegen. Trans Personen werden also auch von Fachpersonen diskriminiert, vor allem, was die psychische Gesundheit angeht. Uns wird abgesprochen, dass wir trans sind, wenn wir nicht genügend Eigenschaften erfüllen. Und wenn du nicht als trans giltst, bekommst du kein Indikationsschreiben; aber ohne das hast du keinen Zugang zu Hormonen, Chirurgie und so weiter. Zudem übernimmt die Krankenkasse ohne ein solches Schreiben keine Kosten.

Wir brauchen also eine psychologische Diagnose, damit wir überhaupt irgendetwas machen können. Bis vor Kurzem konnten trans Personen ohne eine solche Diagnose nicht einmal ihren Namen ändern. Das ist eigentlich eine völlig absurde Situation: Irgendein wildfremder Mensch muss dir bestätigen, dass du trans bist, und das auf einen Zettel schreiben – damit du anfangen kannst, dein Leben so zu leben, wie es für dich stimmt, und du glücklich sein darfst. Die Vernetzung innerhalb der Community ist aus diesen Gründen unglaublich wichtig. Es lohnt sich, bei einem Checkpoint vorbeizuschauen oder mit dem Transgender Network Switzerland Kontakt aufzunehmen.

Was müsste sich seitens der Krankenkassen ändern?

Dort ist es so, dass die Kosten nur dann übernommen werden, wenn man auf eine ganz bestimmte Art transitioniert. Entweder willst du ein Mann sein und dann musst du die volle Dosis Testosteron nehmen, eine Mastektomie, eine Hysterektomie und einen Penisaufbau machen lassen – sonst willst du ja kein Mann sein! Aber wenn du theoretisch Testosteron (oder als transfeminine Person Östrogen) nur in kleinen Dosen nehmen willst, hast du schon ein Problem, was die Kosten angeht. Wenn du hier keinen Endokrinologen hast, der dir entgegenkommt, musst du die Kosten selber tragen. Je nachdem sind das hundert Franken im Monat, das können sich nicht alle leisten. Hier muss dringend ein Umdenken stattfinden.