Dossier: Sexualität

Vasektomie: freiwillig unfruchtbar

Die Vasektomie gilt als die sicherste Verhütungsmethode überhaupt. Ängste vor einem Eingriff sind unbegründet. Doch die Entscheidung dafür will trotzdem gut überlegt sein.

Text: Anna Miller; Foto: Sanitas

Es sind 1 bis 2 Zentimeter, um die sich alles dreht. Die den Unterschied machen, bei einem Mann, wenn es um die Frage geht: Werde ich noch Leben schenken? Will ich? Sollte ich? Tausende Männer in der Schweiz stellen sich die Frage nach Kinderwunsch und Verhütung jährlich, und rund 10 000 von ihnen entscheiden sich für die Operation, die sie dauerhaft unfruchtbar, also steril, machen wird: die Vasektomie.

Bei einer Vasektomie werden die beiden Samenleiter im Hodensack durchtrennt und ein kleines Stück des Samenleiters entfernt – rund 1 bis 2 Zentimeter. Die Enden werden dann abgebunden. Somit gelangen keine Spermien mehr in die Samenflüssigkeit. Der Routineeingriff dauert rund 30 bis 40 Minuten und wird ambulant unter Lokalanästhesie durchgeführt. «Wir führen bei uns zwischen drei und sechs Eingriffe pro Woche durch», sagt Adrian Sieber, externer Oberarzt und Ausbildungsleiter Andrologie am Spitalzentrum Biel. Der Eingriff ist völlig ungefährlich und wird seit Jahrzehnten erfolgreich durchgeführt. Die Vasektomie ist die mit Abstand sicherste Verhütungsmethode, die es gibt. Langzeitfolgen? Keine bekannt. Prostatakrebs? Auch das mittlerweile durch zahlreiche Studien widerlegt.

Die Vasektomie ist also die sicherste Verhütungsmethode, einfach durchzuführen, kostet in der Schweiz rund 1000 Franken und ist kaum mit Schmerzen verbunden. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten zwar nicht, doch gibt es je nach Versicherungsmodell Zuschüsse. Im Grunde also die ideale Ausgangslage. Trotzdem haben viele Männer Bedenken, sich für eine Vasektomie zu entscheiden. «Die meisten Männer, die Bedenken äussern, haben entweder Angst vor den Schmerzen oder davor, dass der Eingriff sich negativ auf ihr Lustempfinden und ihre Sexualität auswirken könnte.», sagt Experte Adrian Sieber.

«Die Spermien, die der Samenflüssigkeit beigemischt sind, machen etwa ein Volumenprozent aus. Man merkt also gar nicht, dass sie fehlen.»
Dr. med. Adrian Sieber, Facharzt für Urologie FMH

Lust und Liebe: alles wie gehabt

Doch er kann beruhigen: Die Vasektomie habe keine Auswirkungen auf sexueller Ebene, meint Sieber. Der Hoden kann nach einer Vasektomie keine Nachschubspermien mehr in die unteren Samenwege schicken. Die Lieferung von Spermien wird zwar unterbunden, die Spermienproduktion aber bleibt bestehen. «Die Spermien, die der Samenflüssigkeit beigemischt sind, machen etwa ein Volumenprozent aus. Man merkt also gar nicht, dass sie fehlen», sagt Sieber. Der Samenerguss selbst, die weisse Samenflüssigkeit also, ist Sekret der Prostata, welches diese als Drüse produziert. «Das Volumen, die Qualität, die Farbe sowie der Geschmack der Samenflüssigkeit bleiben unverändert.» Genauso wie die Empfindung des Mannes.

Auch bei einem Routineeingriff wie der Vasektomie kann es zu Komplikationen kommen. Diese können sich in Form von Blutungen, Infekten oder einer Wundheilungsstörung zeigen. Möglich ist auch das sogenannte Post-Vasektomie-Schmerzsyndrom, das sich nach der Operation durch anhaltende Schmerzen äussert. Rund ein Prozent der operierten Männer sind davon betroffen. Weiter kann es zur Bildung von knotenförmigen Bindegewebswucherungen kommen oder auch zur Bildung eines Spermagranuloms, eine knotige, harte Veränderung im Samenstrang, die durch den Austritt von Sperma in das umliegende Gewebe entsteht. Komplikationen nach einem Eingriff sind jedoch selten und lassen sich in der Regel gut behandeln.

Erst nach ein paar Monaten wirklich steril

Steril ist ein Mann nach dem Eingriff aber erst dann, wenn kein einziges Spermium mehr in der Samenflüssigkeit zu finden und eine Quote von Nullkommanull erreicht ist. Denn jedes Spermium hat das Potenzial, ein Kind zu zeugen. Nach dem Eingriff dauert es in der Regel mehrere Monate, bis der Mann wirklich steril ist – in der Zwischenzeit muss weiterhin verhütet werden. Der Mann ist umso schneller steril, je häufiger es nach der Vasektomie zu einem Samenerguss kommt. Warum? Weil es um das Ausdünnen der Spermienkonzentration geht. «Es braucht in der Grössenordnung zwischen 40 und 60 Samenergüsse, bis keine Spermien mehr in der Flüssigkeit sind», sagt Facharzt Adrian Sieber. Das sei aber je nach Mann individuell verschieden. Nach ein paar Monaten sollte der Mann beim Arzt eine Samenprobe stellen, um auf Nummer sicher zu gehen.

Schmerzhaft ist der Eingriff, wenn er frei von Komplikationen verläuft, übrigens kaum. Bewegung, Sport, Sex: All das ist in der Regel nach ein paar Tagen schon wieder ohne Schmerzen möglich. «Ich ordne in der Regel Schonung an. Nach der Unterbindung sollten die Patienten 36 Stunden zuhause bleiben, nicht joggen, nicht biken, das Übliche halt», sagt Sieber. Dass man den Eingriff noch ein wenig spüre, sei normal, aber vor den Schmerzen müsse man keine Angst haben, die seien gering. «Viele Männer machen sich in diesem Bereich grosse Sorgen, haben Angst vor Schmerzen», sagt Experte Sieber. Doch das sei unbegründet. «Ich sage jedem Kandidaten: Ein Besuch beim Zahnarzt ist schlimmer.» Vielleicht seien Frauen einfach mutiger im Umgang mit Schmerzen im Unterleib, weil sie diese gewohnt sind. Untersuchungen im Genitalbereich, regelmässige Schmerzen und ständige Überlegungen zu Schwangerschaft und Empfängnis gehören bei Männern schlicht weniger zur Lebensrealität.

«Es ist wichtig, dass sich der Mann für sich allein, persönlich und unabhängig von der Partnerin zu diesem Schritt entschieden hat.»
Dr. med. Adrian Sieber, Facharzt für Urologie FMH

Nichts für junge Männer

Ist die Vasektomie also die perfekte Verhütung für die moderne Zeit? Fast schmerzfrei, kostengünstig, sicher? Zumal sich Frauen berechtigterweise seit jeher beschweren, dass viele Männer ihre Verhütungspflicht nicht genug ernst nehmen. Es gibt, ausser dem Kondom, bisher kaum Verhütungsmethoden für den Mann auf dem Markt, die für die breite Masse taugen. Und immer mehr Frauen sind pillenmüde, müde, die ganze Empfängnis selbst im Griff haben zu müssen, Hormone zu schlucken und generell dadurch, dass sie einen weiblichen Körper haben, in der Regel viel mehr Geld für Verhütung, Menstruation, Empfängnis und ärztliche Kontrollen ausgeben.

Eine Vasektomie empfehle er jedoch keinem jüngeren Mann, wenn dieser mit der Kinderplanung noch nicht sicher abgeschlossen habe, meint Sieber. «Ich hatte in meinem Berufsleben eine Hand voll zu junger Männer mit noch nicht gefestigter Familiensituation, welche zur Vasektomie erschienen sind, und habe sie allesamt wieder nach Hause geschickt.» Die Persönlichkeit und vor allem der definitive Ausschluss eines Kinderwunsches seien in seinen Augen mit Mitte zwanzig kaum abschliessend gereift.

Im Durchschnitt sind Männer, die sich einer Vasektomie unterziehen, zwischen Mitte dreissig und Ende vierzig. Die grosse Mehrheit lebt in langjährigen Beziehungen – und die Entscheidung ist in enger Absprache mit der Partnerin erfolgt. Die klassische Situation, meint Sieber, sei eine stabile Partnerschaft oder Ehe, aus der bereits mehrere Kinder hervorgegangen und in der keine weiteren geplant sind. «Trotzdem ist es wichtig, dass sich der Mann auch für sich allein, persönlich und unabhängig von der Partnerin zu diesem Schritt entschieden hat» sagt Sieber.

Ein Eingriff, der sich rückgängig machen lässt

Das Rückgängigmachen der Vasektomie heisst in der Fachsprache Vasovasostomie. Adrian Sieber hat in seinen über 30 Jahren Berufserfahrung schon Hunderte solcher Operationen durchgeführt. Die Rückgängigmachung ist kein Routineeingriff. Sie wird in der Schweiz eher selten und nur von wenigen, darauf spezialisierten Urologen durchgeführt. «Die Erfolgschancen für offene Samenwege beim Mann sind sehr hoch und liegen bei einem routinierten Operateur bei 90 Prozent. Die Schwangerschaftsrate wird auch durch Faktoren der Partnerin beeinflusst, sie liegt etwas tiefer», sagt Sieber.

Der operative Eingriff der Rückgängigmachung ist etwas gravierender als die Unterbindung, erfolgt mit dem Operationsmikroskop und ambulant. Er dauert bis zu vier Stunden und kostet ein Vielfaches der Vasektomie: in der Schweiz rund 8000 Franken.

Der klassische Kandidat für eine Rückgängigmachung ist der etwas ältere Mann, der sich nochmals neu verliebt. Denn der Mann ist nunmal – Biologie sei Dank – Jahrzehnte länger fruchtbar ist als die Frau. Geht eine langjährige Partnerschaft in die Brüche, kommt es am Ende nicht selten vor, dass der Mann sich dann plötzlich innerhalb einer neuen Partnerschaft wieder mit der alten Frage nach Kindern konfrontiert sieht, weil seine neue Partnerin noch einen Kinderwunsch hat. «Das ist bei mir im Sprechzimmer der häufigste Grund für eine Rückgängigmachung», sagt Sieber. Er habe es in mehreren Jahrzehnten nur sehr selten erlebt, dass ein Mann unabhängig von einer neuen Partnerschaft eine Vasektomie habe rückgängig machen wollen. «Deshalb gilt für die Unterbindung umso mehr: Die Vasektomie ist sinnvoll, weil sicher, aber nur bei gereifter persönlicher Entscheidung.»

Auch für die Frau eine Option – aber die schlechtere

Die Sterilisation als dauerhaft sichere Verhütungsmethode ist auch bei der Frau möglich. In der Fachsprache heisst diese Tubensterilisation. Dabei werden die Eileiter entweder elektrisch verödet oder mit einem Clip verschlossen. Auch bei den Frauen wird klar geraten, einen solchen Eingriff erst dann in Betracht zu ziehen, wenn die Frau sicher ist, keine Kinder mehr haben zu wollen.

Im Gegensatz zum Mann ist eine Frau direkt nach dem Eingriff steril. Auf den Hormonhaushalt, das sexuelle Empfinden sowie die Menstruation hat der Eingriff keinerlei Einfluss. Bei Frauen, die sterilisiert sind, entwickelt sich sogar seltener Eierstockkrebs. Trotzdem raten Fachpersonen dazu, die Sterilisation des Mannes vorzuziehen. Weil der Eingriff kostengünstiger und einfacher durchzuführen ist, es seltener zu Komplikationen kommt. Denn selbst bei sterilisierten Frauen kann es noch immer zu einer Eileiter-Schwangerschaft kommen, die grosse gesundheitliche Risiken birgt.

Über den Experten

Adrian Sieber ist externer Oberarzt und Ausbildungsleiter Andrologie am Spitalzentrum Biel und Leitender Arzt Urologie im Belegarztsystem im Spital Emmental. Seit 1993 führt er seine eigene Praxis als Urologe FMH in Burgdorf.

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