Menschen beim Sterben begleiten

Seit 30 Jahren begleitet die Sterbehilfe-Organisation Exit Menschen in den Freitod. Dr. med. Andreas Stahel gibt Einblicke in seinen Arbeitsalltag als Ressort-Leiter Freitodbegleitung bei Exit

Text: Leoni Hof; Foto: Sanitas

Sie sind Arzt. Widerspricht die Begleitung in den Freitod nicht der Hautaufgabe eines Arztes: Leben zu retten?

Die Hauptaufgabe eines Arztes besteht darin, Menschen mit gesundheitlichen Problemen beizustehen und ihnen mit Mitteln zu helfen, welche der Krankheit und der Situation optimal angepasst sind. Eine Begleitung in den Freitod als letzten Willen von hilfesuchenden Menschen zu respektieren sowie das Recht auf selbstbestimmte Entscheidungen zu akzeptieren und in die ärztlichen Massnahmen mit einzubeziehen, ist nur die letzte Konsequenz im Hilfsangebot eines empathisch mitdenkenden ärztlichen Beistands.

Kommt diese ärztliche Begleitung noch zu kurz?

Es lässt sich kaum wegdiskutieren, dass viele unserer sterbewilligen Mitglieder aufgrund medizinischer Machbarkeit in ein sehr hohes Alter hinein therapiert werden. Diese erhalten dann in lebensüberdrüssigem Zustand oft keine echte Hilfe mehr und werden alleingelassen. Ärzte übernehmen die Mitverantwortung bis in diese letzte Lebensphase hinein auch heute noch zu wenig.

Der Wunsch nach einer Freitodbegleitung braucht sehr viel Entschlusskraft und Selbstverantwortung

Welche Missverständnisse erleben Sie beim Thema Freitodbegleitung?

Der Wunsch nach einer Freitodbegleitung entsteht nicht aus Feigheit. Er ist nicht einfach nur die Flucht vor der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leiden, sondern braucht sehr viel Entschlusskraft und Selbstverantwortung. Es geht dabei nie um eine Kurzschlusshandlung.

In welchem Moment wurden Sie in Ihrer Tätigkeit besonders bestätigt?

Eine über 90-jährige geistig noch sehr wache Frau hatte zahlreiche körperliche Gebrechen und war im Pflegeheim vollständig auf fremde Hilfe angewiesen. Sie schilderte eindrücklich, dass sie ein langes und schönes Leben führen durfte. Nun blieben ihr nur die Schmerzen und der Lebenssinn fehlte. Sie hoffte jeden Abend darauf, den nächsten Morgen eines weiteren mühevollen Tages nicht mehr zu erleben.

Was haben Sie durch Ihre Arbeit für Exit gelernt?

Respekt vor einem begründeten, eigenständigen Patientenwillen zu haben und Verständnis für nicht einfach nachvollziehbare Entscheidungen aufzubringen.