Reizdarm: Wenn die Verdauung verrücktspielt

Wenn der Bauch schmerzt, die Verdauung verrücktspielt und doch alle Untersuchungsergebnisse unauffällig sind, steckt vielfach ein Reizdarmsyndrom hinter den Beschwerden. Wie Betroffene ihren Alltag trotzdem meistern, weiss Gastroenterologe Peter Musselmann.

Text: Nicole Krättli; Foto: iStock

«Sie haben nichts!» Diesen Satz hören Betroffene immer wieder – obwohl sie regelmässig von Bauchschmerzen, Verdauungsbeschwerden oder einem anhaltenden Völlegefühl geplagt werden. Es ist ein unsichtbares Phantom, das Reizdarmsyndrom oder auf Englisch Irritable Bowel Syndrome.

Dieses rätselhafte Leiden manifestiert sich in einer Vielzahl von Symptomen wie krampfartigen Bauchschmerzen, qualvollen Blähungen, starkem Durchfall oder im Gegenzug schweren Verstopfungen. In der Schweiz leiden Schätzungen zufolge 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung an einem Reizdarm. Da die Diagnosestellung allerdings sehr komplex ist, dürfte die Dunkelziffer um einiges höher sein. 

Ursache von Reizdarm unklar, Frauen häufiger betroffen 

Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Betroffenen die Darmbewegungen oft gestört sind und die Darmschleimhaut empfindlicher auf mechanische oder chemische Reize reagiert. Auch psychische Faktoren wie Nervosität, Angst oder Trauer können sich auf die Verdauung auswirken und ein Reizdarmsyndrom begünstigen.

Besonders interessant: Es gibt keine klaren Beweise dafür, dass ein ungesunder Lebensstil zur Entstehung des Reizdarmsyndroms beiträgt. «Tatsächlich meiden viele Patient:innen mit einem Reizdarm sogar häufig Genussmittel und ungesunde Lebensmittel», weiss Dr. med. Peter Musselmann, Gastroenterologe und Telemediziner bei Medgate, aufgrund seiner langjährigen Erfahrung.

Auch die Theorie, dass Darmpilzinfektionen ein Auslöser für das Reizdarmsyndrom sein könnten, hat bislang keinen wissenschaftlichen Rückhalt gefunden. Pilze gehören zur natürlichen Flora unseres Darms, und ihre Menge variiert von Person zu Person, abhängig von Faktoren wie Ernährungsgewohnheiten.

Die genauen Ursachen des Reizdarmsyndroms bleiben also weiterhin ein Rätsel für die Wissenschaft. Unumstritten ist allerdings, dass Frauen häufiger unter dem Reizdarmsyndrom leiden als Männer. Ein Grund dafür könnte im weiblichen Sexualhormon Östrogen liegen: Ein hoher Östrogenspiegel verringert beispielsweise die Darmbeweglichkeit – das Verdauen dauert länger. Dies wiederum könnte bei Frauen mit Reizdarm zu Verstopfungen führen. Östrogene können ausserdem das Schmerzempfinden beeinflussen und damit eine Schmerzüberempfindlichkeit des Darms begünstigen.

Wie wird Reizdarm diagnostiziert?

Bei den Patient:innen zeigen medizinische Untersuchungen oft keinerlei krankhafte Veränderungen. Das macht die Diagnose zu einer echten Herausforderung. Das weiss auch Peter Musselmann: «Bevor Ärzte die Diagnose ‹Reizdarmsyndrom› stellen können, müssen sie eine lange Liste von anderen potenziellen Erkrankungen ausschliessen.»

Diese reichen von wiederkehrenden Infektionen über Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien bis hin zu einer Störung des Darms durch Bakterien, Viren oder Pilze. Darüber hinaus müssen chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie potenzielle Tumore im Darm oder an den Eierstöcken ausgeschlossen werden.

Der Ausschlussprozess umfasst mehrere Untersuchungen. Zu diesen gehören etwa Magen- und Darmspiegelung, Bauchultraschall, Bluttests mit vollständigem Blutbild, Leberenzym-, Salz-, Schilddrüsen- und Nierenwerten sowie Stuhltests zum Ausschluss von Parasiten. Wenn alle diese Untersuchungen keinen organischen Befund ergeben, der Patient oder die Patientin aber über einen längeren Zeitraum unter krampfartigen Bauchschmerzen, starken Blähungen, Durchfall oder Verstopfung leidet, dann lautet die Diagnose meist Reizdarmsyndrom.

Symptome: Die Leiden von Reizdarmpatient:innen sind vielfältig 

Während das Reizdarmsyndrom diagnostisch betrachtet schwer zu greifen sein mag, ist der Leidensdruck, den es verursacht, sehr real. Das Reizdarmsyndrom ist ein Meister der Tarnung und kann sich in einer Vielzahl von Symptomen manifestieren.

Patienten berichten am häufigsten von Bauchschmerzen und einem allgemeinen Unwohlsein. Unregelmässiger Stuhlgang, sei es wegen einer Verstopfung oder Durchfall, sowie Blähungen und Völlegefühl gehören ebenfalls zum Repertoire dieser Störung.

Und die Beschwerden beschränken sich nicht bloss auf den Bauch: Viele Menschen leiden auch unter Rücken-, Gelenk- und Kopfschmerzen. Angstzustände und depressive Verstimmungen sind ebenfalls nicht untypisch.

Angesichts der Vielfalt der Symptome kann das Reizdarmsyndrom leicht mit anderen Krankheitsbildern verwechselt werden. Es gibt zudem einige Hinweise, die gegen einen Reizdarm sprechen und auf eine andere Erkrankung hinweisen könnten, warnt Gastroenterologe Musselmann. «Wenn die Beschwerden sehr plötzlich auftreten, man stark an Gewicht verliert oder Blut im Stuhl entdeckt, sollte man unbedingt sofort zum Arzt gehen.»

Ebenfalls gegen ein Reizdarmsyndrom spricht etwa, wenn Stress keine Verschlimmerung und Entspannung keine Verbesserung der Symptome bringt. «Ein Reizdarm stört in der Regel auch nicht die Nachtruhe. Wenn die Beschwerden also den Schlaf unterbrechen, dann sind weitere Untersuchungen dringend nötig», erklärt Musselmann.

In jedem Fall rät der Experte, länger anhaltende Beschwerden mit einer Fachperson zu besprechen. 

Behandlung: So bekommen Sie die Beschwerden in den Griff

Wenn das Reizdarmsyndrom zuschlägt, richtet sich die Behandlung generell nach den am stärksten ausgeprägten Symptomen. Bei milderen Erscheinungsformen reicht oft bereits eine Ernährungsberatung. Es lohnt sich zudem, bestimmte Nahrungsmittel zu meiden, die besonders belastend sind. Dazu gehören gemäss Gastroenterologe Musselmann blähende Gemüsesorten wie Kohl, Bohnen und Zwiebeln, aber auch Kaffee und scharfe Gewürze.

Tatsächlich ist es aber so, dass der Einfluss der Ernährung auf das Reizdarmsyndrom kaum erforscht ist. Deshalb müssen Betroffene vielfach selber herausfinden, was ihnen guttut und was nicht. Dabei kann es helfen, über einige Wochen ein Ernährungstagebuch zu führen. Man sollte aber nicht nur festhalten, was man gegessen hat, sondern auch welche Beschwerden aufgetreten sind und welche anderen Faktoren – beispielsweise Stress bei der Arbeit – einen Einfluss auf das Wohlbefinden gehabt haben könnten. 

Eine australische Studie hat zudem eine spezielle Form der Diät erforscht, die den Darm sehr effektiv beruhigen soll: die FODMAP-Methode. Die englische Abkürzung steht für den konsequenten Verzicht auf schnell vergärende Kohlenhydrate, wie sie etwa in Süssigkeiten, Brot (besonders Weizen), Milchprodukten, Steinobst oder Kohl stecken. Die Polyole (Zuckeralkohole) finden sich in vielen industriell hergestellten Produkten als Süssungs- oder Feuchthaltemittel. Auf all diese Zutaten zu verzichten, kann dabei helfen, die Darmbeschwerden in den Griff zu bekommen.

Da es sich bei der FODMAP-Methode um eine radikale Diät handelt, sollten Sie sich dieser nur unter ärztlicher Aufsicht unterziehen. Nach vier bis acht Wochen Extremdiät werden die verschiedenen Nahrungsmittel dann schrittweise wieder ausprobiert.

Wichtig hierbei: Halten Sie in einem Ernährungstagebuch fest, welche Lebensmittel Sie gegessen haben und welche Symptome nach deren Verzehr aufgetreten sind. Nur so lässt sich herausfinden, was Ihr Darm verträgt und wo Beschwerden entstehen.

Bevor Sie zu Medikamenten greifen, lohnt sich auch der Einsatz natürlicher Hausmittel. 

Hausmittel gegen Bauchschmerzen:

  • Fenchelsamen im Tee können Bauchkrämpfe lindern.
  • Wärmeflaschen, Kirschkernkissen oder eine warme Dusche wirken entspannend und entkrampfend. 

Hausmittel gegen Blähungen

  • Pfefferminztee kann Blähungen und Krämpfe reduzieren.
  • Anis trägt zur Reduktion von Blähungen und Krämpfen bei.
  • Kümmelöl wirkt entspannend auf die Darmmuskulatur.
  • Wärme kurbelt die Durchblutung an und entspannt so den Darm. 

Hausmittel gegen Durchfall

  • Pfefferminztee beruhigt den Darm und kann so den Durchfall eindämmen. 

Hausmittel gegen Verstopfung

  • Dörrobst und Sauerkraut regen die Verdauung an.
  • Flohsamen in Kombination mit Wasser können den Stuhl auflockern und so den Stuhlgang erleichtern.
  • Probiotika enthalten verschiedene Bakterien, die für die Darmfunktion wichtig sind.

In herausfordernden Lebensphasen können laut Musselmann auch Gesprächs- oder Verhaltenstherapien sinnvoll sein. In diesen lernen Patient:innen verschiedene Bewältigungsstrategien kennen. Zusätzlich können Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Yoga einen Weg zur Stressbewältigung und zur Wiederherstellung der inneren Balance aufzeigen.

Wenn diese Therapieansätze nicht den gewünschten Erfolg bringen, können allerdings auch Medikamente dabei helfen, die schmerzhaften und mühsamen Beschwerden zu lindern. «Aufgrund der vielen möglichen Auslöser und Beschwerden des Reizdarmsyndroms ist es wichtig, die medikamentöse Behandlung mit einem Facharzt zu besprechen und nur zeitlich begrenzt einzusetzen», erklärt Gastroenterologe Musselmann abschliessend. 

4 einfache Tipps für Reizdarmpatient:innen

Langsam essen: Die Art und Weise, wie Sie essen, spielt eine entscheidende Rolle für die Gesunderhaltung des Verdauungssystems. Essen Sie Ihre Nahrung langsam, entspannt und mit voller Aufmerksamkeit. Vergessen Sie zudem nicht, gründlich zu kauen. Auf diese Weise beginnt die Verdauung bereits im Mund, was den Magen, den Dünndarm, die Bauchspeicheldrüse und die Gallenblase entlastet.

Ausgewogen ernähren: Die Wahl und die Menge der Nahrungsmittel, die Sie zu sich nehmen, haben einen wesentlichen Einfluss auf die Verdauung. Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung, die beispielsweise naturbelassene Lebensmittel, frisches Obst, Gemüse und Salat umfasst, fördert die Verdauungsleistung des Darms. Auch wenn ballaststoffreiche Kost wichtig ist, sollte der Anteil an Ballaststoffen nur langsam erhöht werden, um möglichen Blähungen und Bauchschmerzen vorzubeugen. Insbesondere bei Personen, die beschränkt mobil oder bettlägrig sind, können Ballaststoffe Verdauungsprobleme verursachen. Bei Verstopfungen helfen Haferflocken, Leinsamen oder Flohsamen, da sie die Gleitfähigkeit des Stuhls verbessern.

Viel trinken: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist essenziell für eine gute Darmfunktion. Wenn dem Darminhalt Flüssigkeit fehlt, kann dies Verdauungsprobleme wie Verstopfung zur Folge haben. Generell wird eine Flüssigkeitsaufnahme von mindestens 2 Litern pro Tag empfohlen, idealerweise in Form von Wasser, Saft oder Tee.

Regelmässig bewegen: Ausgleichende Gymnastik, die insbesondere die Bauchmuskeln stärkt, sowie Wandern, Schwimmen, Radfahren oder andere Sportarten sind nicht nur gut für die Muskulatur, sondern bringen auch den Darm auf Trab.

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