Umfragen und Studien

Wissensbeiträge

Die Stiftung Sanitas Krankenversicherung geht dem Verhalten und den Einschätzungen der Menschen in der Schweiz im Kontext der Digitalisierung auf den Grund. Die Ergebnisse der Studien und Umfragen sollen die gesellschaftliche Debatte bereichern.

Ergebnisse 2022: Monitor «Datengesellschaft und Solidarität»

Mit dem Monitor «Datengesellschaft und Solidarität» gibt die Stiftung Sanitas Krankenversicherung jedes Jahr eine Umfrage in Auftrag, die das Leben und das Verhalten der Menschen in der Schweiz im Zusammenhang mit der Digitalisierung untersucht.

Für die Erhebung 2022 nahmen im Januar 2450 Personen an der Onlinebefragung der Forschungsstelle Sotomo teil. Die gezielte Personenauswahl und Gewichtung sichert eine repräsentative Stichprobe nahe an der Schweizer Bevölkerung ab 18 Jahren.

«Bevölkerung betrachtet Chancen und Risiken der Digitalisierung nüchterner»

Die positive Einschätzung, dass im digitalen Wandel vor allem Fortschritt und neue Möglichkeiten liegen, hat 2022 leicht abgenommen. Die Überzeugung wächst, dass die Digitalisierung die Gesellschaft in Gewinnende und Verlierende teilt. 70 Prozent der Befragten glauben, dass die Digitalisierung im Wirtschaftsleben zu mehr Ungleichheit führt und die Gewinner- sowie die Verliererseite weiter auseinanderdriften.

Eine gewisse Ermüdung zeigt sich auch im alltäglichen Umgang mit digitalen Möglichkeiten: Weniger Befragte als mitten in der Pandemie geben an, regelmässig soziale Medien, Streaming-Dienste oder Videokonferenzen zu nutzen. Auch Smartwatches und Smarthome-Technologien stagnieren auf tiefem Stand.

Die Bevölkerung wird von Jahr zu Jahr jedoch zuversichtlicher, dass Arbeitsplätze im Zuge der Digitalisierung nicht gänzlich verloren gehen. Kaum jemand geht mehr davon aus, dass Computer und Roboter die eigene berufliche Tätigkeit in zehn Jahren ganz ersetzen.

Keine digitale Ermüdung zeigen diese Bereiche: Immer mehr Menschen – doppelt so viele wie 2019 – zeichnen aktiv Gesundheitsdaten auf. Und das Vertrauen in Bezahl-Apps, welche pandemie-bedingt Einzug gehalten haben, sowie in die digitale Unterschrift wird grösser.

«Solidarität ist wichtig – im Grundprinzip»

Die Solidarität der Gesunden mit den Kranken ist durch die Pandemie-Erfahrung an die Spitze gerückt: Mit 70 Prozent Zustimmung wird sie als wichtigstes Solidaritätsprinzip erachtet, gefolgt von Solidarität von Reich mit Arm oder Jung mit Alt. Interessant ist, dass die Solidarität von Alt mit Jung stark an Bedeutung gewonnen hat – und zwar besonders aus Sicht der Alten. Eine Art «Dankeschön» am Ende der Pandemie, in welcher Junge besonders für Alte auf vieles verzichtet haben?

Solidarität mit den Unsolidarischen: Für eine Mehrheit ist es unsolidarisch, wenn jemand sich wider besseres Wissen gesundheitsschädigend verhält und so hohe Gesundheitskosten für die Allgemeinheit riskiert. Drei Viertel befürworten jedoch, dass diese Person trotzdem Anspruch auf eine teure medizinische Behandlung hat, welche die Allgemeinheit trägt.

Der Begriff «Solidarität» wandelt sich zudem: Mehr Menschen verstehen darunter auch, dass man vor allem für sich selbst sorgen soll (und andern nicht zur Last fällt) – im Sinne von Eigenverantwortung leben. Die Covid-Impffrage dürfte zu diesem Anstieg beigetragen haben: «Für sich selbst sorgen» lässt sich in diesem Zusammenhang wahlweise als Aufruf zum Impfen lesen oder als Votum für die Freiheit, sich nicht impfen zu lassen.

Die Solidarität ist aber nicht bedingungslos. Besonders, wenn es um persönliche Vorteile oder potenzielle Ansprüche geht: So denken vier von zehn Personen, dass wer seine Gesundheitsdaten spendet, bevorzugten Zugang zu neuen Medikamenten haben sollte. Pflegt man nach eigener Einschätzung einen besonders gesunden Lebensstil, ist die Zustimmung für verhaltensabhängige Krankenkassenprämien besonders hoch. Und eine Mehrheit der Covid-Geimpften ist nicht einverstanden damit, dass Ungeimpfte Anspruch auf Intensivbehandlung haben bei Bettenknappheit.

Obwohl die Covid-19-Pandemie die gesellschaftliche Solidarität vermehrt in den Fokus rückte, scheint sie auf wackligen Beinen zu stehen, sobald persönliche Vorteile im Spiel sind.

«Teilen von Gesundheitsdaten? Vertrauen ist das Zauberwort»

Nicht nur die Einstellung zum Gesundheitstracking wird positiver, sondern auch die Einstellung zum Teilen von aufgezeichneten Daten. Dafür ist das Vertrauen in Datenschutz und -sicherheit entscheidend.

Fast neun von zehn Personen können sich heute vorstellen, ihre digital aufgezeichneten Gesundheitsdaten mit ihrem Hausarzt zu teilen. Der wichtigste Grund dafür: Früherkennung von gesundheitlichen Problemen. Erstmals mehr als die Hälfte würden zudem ihre Gesundheitsdaten der medizinischen Forschung überlassen.

Neben persönlichen Vorteilen sehen die Befragten auch positive Aspekte für die Gesellschaft: Gesundheitsdaten wie Blutdruck oder Sauerstoffwerte umfassend aufzuzeichnen, soll zu einer besseren medizinischen Versorgung beitragen. Tracking von Aktivitätsdaten wie Schrittzahl oder Fahrradkilometern hingegen soll insgesamt zu tieferen Gesundheitskosten führen.

Ein digitales Gesundheitsportal, wo alle gesundheitsrelevanten Daten einsehbar wären (selbst gemessene und von Fachleuten erhobene sowie ärztliche Dokumente), fänden zwei Drittel der Umfrageteilnehmenden nützlich. Und vier von fünf Personen möchten selbst bestimmen können, mit wem sie diese Daten teilen. Sie trauen sich also zu und wären gewillt, ihre Gesundheitsdaten selbst zu verwalten.

Archiv

Die Gesundheit des Einzelnen wird mit mehr Digitalisierung im Gesundheitswesen zunehmend in Zahlen übersetzt. Datenerfassung via eigenes Tracking über Uhr und Smartphone oder via Ärztin oder Therapeut – bis hin zu Genanalysen ‒ macht genauere Gesundheitsvorhersagen möglich und kann Krankheitsrisiken aufdecken. Werden Lebens- und Gesundheitsdaten überwacht, wird auch mehr Kontrolle möglich. Aber welche Auswirkungen hat das auf das Solidaritätsprinzip im Gesundheitssystem?

Die Stiftung Sanitas Krankenversicherung hat den unabhängigen Thinktank des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) beauftragt, die Zusammenhänge von Datafizierung, Vertrauen und Solidarität in der Gesellschaft und im Gesundheitswesen zu untersuchen.

Angenommen, eine künstliche Intelligenz würde Ihnen eine schwerwiegende Krankheit voraussagen, falls Sie Ihr Verhalten nicht ändern. Würden Sie weiterleben wie zuvor? Obwohl andere davon wüssten? Auch wenn Sie der Gemeinschaft dadurch vielleicht später einmal mit hohen Gesundheitskosten zur Last fallen würden? Die Transparenz mittels Daten verspricht Erfolge in der Zukunftsmedizin, birgt aber auch die Gefahr, dass das Prinzip der Versicherungssolidarität in der Grundversicherung ausgehöhlt werden könnte.

Die GDI-Studie skizziert vier Extremszenarien für ein künftiges Gesundheitssystem. Diese unterscheiden sich zum einen in Bezug auf die Rolle des Staates: Wie sehr greift er ein? Und zum anderen in Bezug auf die Nutzung der Gesundheitsdaten: Dienen sie mehrheitlich der Überwachung, oder sollen sie den Menschen helfen, ihre Gesundheitsziele zu erreichen?

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Das «Big Government»-Szenario beschreibt einen starken Staat mit strengen Bedingungen für solidarische Unterstützung. Menschen müssen ihre Gesundheitsdaten teilen und werden zu gesunden Verhaltensweisen gedrängt. Public Health und Überwachungsstaat gehen Hand in Hand. Solche Tendenzen zeigen sich bereits heute im asiatischen Raum.

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Im «Big Self»-Szenario will man das Individuum zum gesunden Lebensstil befähigen, ohne es zu bevormunden. Der Staat spielt dabei eine wichtige Rolle – beschränkt sich aber darauf, die Nutzung von Daten zu regulieren und gesundes Verhalten zu vereinfachen. Dieses Szenario schliesst an Entwicklungen an, die im europäischen Raum verbreitet sind.

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Im «Big Business»-Szenario schliessen sich Menschen mit ähnlichen Gesundheitsprofilen in Risikopools zusammen. Diese Risikopools verlangen das Offenlegen von Daten, um ungünstige Risiken auszuschliessen. Ein solches Szenario birgt die Gefahr, dass sich nicht jede Person genügend gegen Krankheit absichern kann – wie heute in den USA.

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Das Offenlegen von Daten ist auch im «Big Community»-Szenario zentral. Es geschieht jedoch auf Basis der freiwilligen Solidarität: Menschen teilen ihre Daten miteinander, ohne dass sie von anderen ein «gesundes» Verhalten einfordern. Vielmehr gilt die Vielfalt der Daten als Stärke, welche das Datenmodell bereichert und damit robuster macht.

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In welche Richtung entwickelt sich die Schweiz?

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Das heutige Schweizer Gesundheitssystem ist dem «Big Self»-Szenario am nächsten, in dem der Staat unterstützen und den Einzelnen befähigen will. Die Datafizierung wirkt als Katalysator und könnte vor dem Hintergrund stetig steigender Gesundheitskosten Verschiebungen auslösen – hin zu mehr staatlichem Einfluss sowie bezüglich der gegenseitigen Toleranz und Solidarität von Versicherten mit unterschiedlichem Gesundheitszustand. Dass nur schon das Vorhandensein von digitaler Kontrolle dazu verleitet, strengere Bedingungen zu fordern, zeigten Umfrageresultate der Sotomo-Studien «Datengesellschaft und Solidarität» (2018–2020). Personen, die denken, sie verhalten sich gesünder als andere, erwarten tiefere Krankenversicherungsprämien und wollen weniger zum solidarisch finanzierten Ausgleich mit anderen Versicherten beitragen.

Die GDI-Studie «Entsolidarisiert die Smartwatch? Szenarien für ein datafiziertes Gesundheitssystem» beleuchtet die Mechanismen, welche der Solidarität in einem datengetriebenen Gesundheitswesen zugrunde liegen, und ruft dazu auf, dass sich alle Stakeholder an der Debatte für deren Ausgestaltung in der Zukunft beteiligen.

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Illustrationen: Studio Topie, www.kombinatrotweiss.de

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Die Covid-19-Pandemie hat der Digitalisierung weiter Vorschub geleistet. Für viele waren digitale Möglichkeiten wie Video-Telefonie oder Online-Einkäufe in Zeiten des Social Distancing erst ungewohnt, dann aber rasch Teil des Alltags. Der Monitor zeigt Aspekte auf, wie sich die Digitalisierung in Pandemiezeiten auf die Bevölkerung auswirkt. Erstaunlich: Der wahrgenommene digitale Leistungsdruck nahm ab.

Ganz allgemein ist die Digitalisierung weniger negativ behaftet als noch vor einigen Jahren. Die Bevölkerung nutzt digitale Kanäle und Angebote nach rund einem Jahr Covid-19-Pandemie mit nur leichtem Anstieg weiter auf hohem Niveau. Einzig die Videotelefonie hat sich verdoppelt und bei der Nutzung von Streamingdiensten wie Netflix schliessen die Älteren immer mehr zu den Jüngeren auf.

Wurde vor einem Jahr der digitale Wandel besonders bei Jungen noch mit sehr viel zusätzlichem Leistungsdruck und Stress verbunden, so zeigt sich im Teillockdown ein überraschendes Phänomen: Im Berufsleben, im Gesundheitsbereich, bezüglich sozialer Medien wie Instagram und Facebook aber auch im Sport empfindet die Bevölkerung im Januar 2021 deutlich weniger subjektiven Leistungsstress. Die Herausforderungen durch digitale Tools scheinen sich in Zeiten von Homeoffice und eingeschränkten sozialen Kontakten deutlich entspannt zu haben. Oder sie werden ganz einfach durch die Ausnahmesituation in der Pandemie relativiert. Offen bleibt, wie die Bevölkerung diese Erfahrung nutzbringend in Zeiten nach Corona mit mehr Normalität und Öffnung mitnehmen wird.

Zur Studie: Vom 8. bis 18. Januar 2021 nahmen 2344 Teilnehmer an der Online-Befragung der Forschungsstelle Sotomo teil. Die gezielte Personenauswahl und Gewichtung sichert eine repräsentative Stichprobe nahe an der Schweizer Bevölkerung ab 18 Jahren.

Ausgewählte Resultate

Coronakrise relativiert den digitalen Leistungsdruck: Besonders ausgeprägt ist der Rückgang im Berufsleben – statt 45 Prozent erleben nur noch 18 Prozent den digitalen Wandel als zunehmenden Leistungsdruck. Im sozialen Netz findet Entschleunigung statt: Corona erzwingt den Rückzug in die eigenen vier Wände und sorgt zudem für Entspannung im sozialen Marktplatz. Die «Fear of Missing Out» (FoMO) – die Angst etwas zu verpassen – ist reduziert und sorgt einerseits für weniger Nutzung der Social-Media-Kanäle (80 % gegenüber 92% anfangs 2020) und somit für deutlich weniger Leistungsdruck. Parallel dazu liegt die Nutzung sozialer Medien besonders bei jungen Erwachsenen deutlich tiefer.

Abbildung 25: Wahrgenommener Leistungsdruck durch die Vermessung von Leistungs- und Lebensdaten – nach Alter

«Die digitale Vermessung von Leistungs- und Lebensdaten führt zu mehr Vergleichsmöglichkeiten. Gibt es Bereiche, in denen Sie sich deswegen einem zusätzlichen Leistungsdruck ausgesetzt sehen?»

Vertrauen ist Basis fürs Teilen von Gesundheitsdaten: Der persönliche Nutzen und der Nutzen für die Allgemeinheit sind mit 62 und 44 Prozent ausschlaggebende Faktoren, ob man Gesundheitsdaten weitergibt. Am wichtigsten ist den Befragten jedoch mit 70 Prozent Zustimmung das Vertrauen in den Datenempfänger.

Abbildung 33: Faktoren für die Weitergabe von Gesundheitsdaten

«Welche Faktoren sind dafür entscheidend, ob Sie einer Person/Organisation Ihre Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen?»

Lebensvermessung verändert das Verhalten: 41 Prozent der Befragten misst aktiv die tägliche Schrittzahl und fast die Hälfte davon findet, dass dies ihr Verhalten verändert habe. Das bedeutet, dass beachtliche 20 Prozent aller Menschen in der Schweiz durch die Schrittaufzeichnung nach eigenem Ermessen häufiger und / oder länger als früher laufen. Auch die digitale Erfassung der sportlichen Leistung führt bei etwa jeder zweiten Person zu Verhaltensänderungen.

Abbildung 23: Einfluss regelmässigen Aufzeichnens verschiedener Aktivitäten auf das Verhalten

«Welche haben bei Ihnen zu anhaltenden Verhaltensänderungen geführt?»

Covid-Tracing und Online-Registrierungen – Ambivalenz in der Bevölkerung: Die Befragten haben grössere Bedenken bezüglich Datenmissbrauch bei Einträgen in Online-Formularen, z.B. für den Restaurantbesuch, als bei der Nutzung der Schweizer Covid-Tracing-App. Dennoch werden Online-Registrierungen für Restaurants häufiger genutzt als die Covid-App. Politisch rechtsstehende und Personen mit weniger Bildung sehen das Contact-Tracing mit der Covid-App, das vor allem der Gesamtbevölkerung dient, besonders kritisch. Auch an diesem Beispiel zeigt sich, dass die Menschen ihre Daten lieber teilen, wenn sie einen persönlichen Nutzen haben, nämlich Einlass ins Restaurant oder zum Event – trotz allfälliger Datenschutzbedenken.

Erstaunlich hoch – mit 45 Prozent – war die Zustimmung, dass in einer künftigen Pandemie Länder wie Südkorea oder Taiwan zum Vorbild genommen werden sollten: Diese haben den Datenschutz zugunsten einer vorübergehenden Mobilitätsüberwachung via Handydaten minimiert. Die Ausbreitung des Virus konnte so erfolgreich unterbunden werden. Nach politischer Gesinnung war die Zustimmung kaum unterschiedlich, hingegen waren ältere Personen mehr dafür als junge.

Das Fazit: Rund die Hälfte der Bevölkerung würde in einer neuen Pandemie den Datenschutz zugunsten von Freiheiten im Alltag vorübergehend einschränken wollen.

Abbildung 28: Zustimmung zur Überwachung von Handydaten zur Eindämmung einer Pandemie

«Länder wie Südkorea oder Taiwan haben während der Corona-Pandemie den Datenschutz reduziert und mit einer Überwachung von Handydaten die Ausbreitung des Virus frühzeitig eindämmt. Wenn es zu einer neuen Pandemie kommt: Sollte die Schweiz eine ähnliche Überwachung von Handydaten vornehmen, zeitlich begrenzt für die Dauer der Pandemie?»

Solidaritäten im Gesundheitswesen von morgen: Bezüglich Prävention findet es die Hälfte der Befragten unsolidarisch, wenn sich jemand ungesund verhält und so später hohe Gesundheitskosten zulasten der Allgemeinheit riskiert. Bei Personen, die politisch rechts eingestellt sind, sind es zwei Drittel. Gleichzeitig finden 42 Prozent ungesundes Verhalten nicht unsolidarisch, selbst wenn die betroffene Person von einer erhöhten Krankheitsveranlagung weiss.

Abbildung 49: Zustimmung zur Aussage: Ungesundes Verhalten ist unsolidarisch – nach gesellschaftspolitischer Grundhaltung

«Jemand erfährt in einer Untersuchung von einer erhöhten Veranlagung für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Trotzdem ernährt sich diese Person und bewegt sich zu wenig. Handelt diese Person unsolidarisch, weil sie hohe Gesundheitskosten für die Allgemeinheit riskiert?»

Auf die Möglichkeiten der personalisierten / individualisierten Medizin der Zukunft angesprochen finden 80 Prozent der Befragten, dass auch teure Spezialtherapien für Krebs aus der Grundversicherung bezahlt werden sollten, wenn gute Aussicht auf Heilung besteht. Sogar dann, wenn dadurch die Krankenversicherungsprämien für alle steigen könnten. Die Umfrageteilnehmenden äussern sich damit für eine solidarische Finanzierung der Errungenschaften der personalisierten Medizin.

Die Frage, ob «neue und teure individualisierte Behandlungen» durch die Grundversicherung abgedeckt werden sollen – auch wenn die Prämien für alle steigen –, ergibt ein differenziertes Bild. Knapp ein Drittel findet: «Ja, auf jeden Fall». Allerdings müssen für zwei Drittel der Befragten gewisse Bedingungen erfüllt sein. Beispielsweise, dass Patientinnen und Patienten durch die Behandlung eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität erfahren.

Die Befragten waren also damit konfrontiert, das Kosten-Nutzen-Verhältnis in Relation zu den Finanzierungsmöglichkeiten abzuwägen.

Die Reaktionen der Befragten zeigen: Wenn die Entwicklung der «persönlichen Pille» voranschreitet, werden Grundsatzdiskussionen zur Ausgestaltung des Gesundheitssystems von morgen noch mehr Raum auf der politischen Agenda einnehmen.

 

Abbildung 46: Bezahlung teurer personalisierter Medikamente durch die Grundversicherung: Grundbedingungen

«In Zukunft werden neue individualisierte Behandlungen möglich sein, welche aber sehr teuer sein können. Sollen diese Behandlungen durch die Grundversicherung der Krankenkasse bezahlt werden, auch wenn dadurch die Prämien für alle steigen?»

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Surfen, Googeln, Einloggen, Datenspuren hinterlassen: Das ist die Realität der digitalen Gesellschaft. Und die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung im Eiltempo auf neue Bereiche unseres Lebens ausgedehnt. Aber wie sahen die Menschen die Chancen und Risiken der Datengesellschaft vor Corona? Wie stehen sie zur zunehmenden Lebensvermessung? Und wie wirkt sich diese Entwicklung auf die gesellschaftliche Solidarität aus?

Die Ergebnisse des Monitors «Datengesellschaft und Solidarität» 2020 zeigen: Die Bevölkerung ist ambivalent. Sie nutzt fleissig digitale Angebote, fürchtet sich aber vor der Weitergabe von Daten. Sie hält gesellschaftliche Solidarität hoch, ruft aber vermehrt nach Angeboten, wie verhaltensabhängigen Krankenversicherungsprämien.

Vom 9. bis am 16. Januar 2020 wurden insgesamt 2297 Personen zu ihrem Verhalten und ihrer Einstellung befragt. Die gezielte Personenauswahl und Gewichtung sichert ein Ergebnis, das die Schweizer Bevölkerung ab 18 Jahren repräsentiert. Unser Umfragepartner ist die Forschungsstelle sotomo in Zürich.

Kurzfassung ausgewählter Ergebnisse 

  • Die Digitalisierung verliert ihren Schrecken: Heute sehen 44 Prozent der Befragten vor allem Fortschritt im digitalen Wandel. Sie assoziieren ihn mit positiven Merkmalen wie Effizienz, erweiterten Möglichkeiten oder Informationsvermittlung. Damit in Zusammenhang stehen Aspekte wie Selbstermächtigung und Selbstoptimierung.
  • Digitale Kanäle werden mehr genutzt: Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der regelmässigen Nutzung von Streaming-Diensten (51%), Cloud-Datenspeichern (53%) und Social Media (67%) gestiegen. Auch nach einem Splitting nach Alter beispielsweise für Social Media: 18- bis 35-Jährige (92%), 36- bis 55-Jährige (64%), > 55-Jährige (43%).
  • Grössere Verunsicherung bei Jüngeren: Von den 18- bis 35-Jährigen fühlen sich 38 Prozent durch die Entwicklung des digitalen Wandels verunsichert. Bei den über 65-Jährigen sind es 28 Prozent. Zudem beurteilen gerade die älteren Generationen die Digitalisierung mehrheitlich positiv. Jüngere Menschen, die ihr Leben und ihre Karriere noch vor sich haben, scheinen dadurch mehr gefordert.
  • Leistungsdruck infolge digitaler Durchdringung: 44 Prozent der Erwerbstätigen sehen sich am Arbeitsplatz unter Druck gesetzt. Das sind in etwa gleich viele wie 2019. Einen deutlichen Sprung macht der wahrgenommene Leistungsdruck im Gesundheitsbereich (von 25 auf 32%).
  • Lebensvermessung, ein Trend: Daten über die eigenen Aktivitäten und die Gesundheit werden immer öfter aufgezeichnet. Über 20 Prozent der Bevölkerung gehen dank des Schrittezählens häufiger oder länger zu Fuss, besonders die Frauen. Und bereits 58 Prozent der 15- bis 35-jährigen Frauen zeichnen ihren Zyklus digital auf. Die Herzfrequenz messen mit 19 Prozent fast doppelt so viele wie im Vorjahr.
  • Skepsis bezüglich Teilen von Gesundheitsdaten: 84 Prozent der Befragten würden selbst aufgezeichnete Daten mit dem Hausarzt teilen, aber deutlich weniger mit medizinischen Spezialisten (64%), der medizinischen Forschung (47%) oder einer Versicherung beziehungsweise einer Krankenkasse (15%).
  • Auswirkung der Digitalisierung auf die Solidarität: Die Ambivalenz in Bezug auf die Solidarität ist im Gesundheits- beziehungsweise im Krankenversicherungsbereich überraschend. Solidarität von gesunden Menschen gegenüber kranken Menschen wird als wichtig erachtet. Seit 2019 hat Solidarität sogar an Bedeutung gewonnen (von 56 auf 63%). Gleichzeitig spricht sich 2020 erstmals eine Mehrheit (51%) dafür aus, dass Personen, die sich fit halten und gesund ernähren, mit einer tieferen Krankenkassenprämie belohnt werden. Ein Anstieg um rund einen Fünftel in nur 2 Jahren, der Anlass zur Sorge um das bestehende Solidaritätsprinzip geben könnte.
  • Politik rennt der Basis davon: Als Spezialthema vergleicht die aktuelle Umfrage die Einstellung der Bevölkerung mit der Einstellung der Nationalrats-Kandidierenden 2019. Insgesamt sehen die Politikerinnen und Politiker (92%) die Auswirkungen der Digitalisierung positiver als die Basis der Bevölkerung (70%). Und zwei Drittel der Bevölkerung, aber nur ein Drittel der Politikerinnen und Politiker sind der Ansicht, die Digitalisierung führe zu mehr Ungleichheit im Arbeitsleben. Entfremdet sich die Politik von der Bevölkerung?

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Die zweite, repräsentative Online-Umfrage zum Thema Solidarität in einer digitalen Welt fand im Februar 2019 statt. Wie ist die Bevölkerung der Schweiz der zunehmenden Lebensvermessung gegenüber eingestellt? Welche Art von Solidarität ist den Menschen wichtig? Und wie entwickelten sich Nutzung und Einstellung gegenüber digitalen Angeboten seit 2018 weiter?

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Grundsätzlich ist der Bevölkerung die Solidarität der Reichen mit den Armen, der Jungen mit den Alten, der Gesunden mit den Kranken und sogar der Alten mit den Jungen am wichtigsten.
  • 2019 befürwortet jedoch bereits die Hälfte der Befragten Prämienrabatte für Personen, die sich fit halten und gut ernähren.
  • Die Personen, die ihre eigene Lebensweise gesünder einschätzen als die von anderen im gleichen Alter, fänden solche verhaltensabhängigen Prämienrabatte sogar zu fast zwei Dritteln (63%) angemessen. Die Solidarität gerät somit unter Druck.
  • Die Bevölkerung will und nutzt digitale Angebote und trägt so zur weiteren Ausprägung des gläsernen Menschen bei. Gleichzeitig bestehen aber Sorge um die gesellschaftliche Solidarität und Bedenken aufgrund des zunehmenden Leistungsdrucks in der Gesellschaft.
  • Die Menschen sind gegenüber dem digitalen Wandel an sich etwas weniger skeptisch.
  • Junge, flexible, gebildete und leistungsorientierte Menschen stehen für die Befragten auf der Gewinnerseite der Digitalisierung. Der digitale Wandel akzentuiert jedoch die Leistungsgesellschaft und erzeugt dadurch zusätzlichen Stress – vor allem bei den Jüngeren.
  • Digitale Lebensvermessung führt eher zu weniger Selbstverantwortung – die digitale Nanny übernimmt.
  • Die Nutzung digitaler Angebote liegt auf ähnlich hohem Niveau wie im Vorjahr. Das Vertrauen in Datensammler ist wieder leicht gestiegen. Datensammeln scheint akzeptiert, wenn im Gegenzug günstige oder kostenfreie digitale Angebote zur Verfügung gestellt werden.

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Die erste Umfrage beleuchtete vor allem Fragen zur eigenen Lebensvermessung mit dem Smartphone, die Bereitschaft, Daten zu teilen, das Thema Datenspuren und Datenschutz sowie die Erwartungen an das gesellschaftliche Leben in einer digitalen Zukunft.

Schweizerinnen und Schweizer erfassen aktiv ihre Lebens- und Verhaltensdaten. Viele Personen sind in ihrem privaten Nutzungsverhalten sehr offen, haben jedoch ein eher negatives Bild von einer Gesellschaft, die durch eine zunehmende digitale Vermessung geprägt ist.

Die wichtigsten Schlussfolgerungen: 

  • Lebensvermessung ist in der Schweizer Wohnbevölkerung verbreitet.
  • Menschen wägen Chancen und Risiken ab: Bedenken im Zusammenhang mit der Privatsphäre stehen im Alltag oft im Hintergrund.
  • Datensammeln durch Dritte wird skeptisch beurteilt, besonders, wenn es sich dabei um wirtschaftliche Unternehmen, das Arbeitsumfeld oder sogar kriminelle Organisationen handelt.
  • Befürchtungen in Bezug auf die digitalisierte Gesellschaft: Eigenschaften wie Solidarität und Eigenverantwortung zu bilden, ist eine Herausforderung.
  • Es stellt sich die Frage nach der digitalen Verantwortung.

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Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Solidarität? Die Stiftung Sanitas Kranken­versicherung stellt Studien vor und bietet Experten und Thinktanks eine Plattform für Diskussionsbeiträge.

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